Instrument des Jahres 2027: Der Synthesizer
„Ist das überhaupt ein Instrument?“ werde ich immer wieder gefragt.
Die Initiative „Instrument des Jahres“ ist eine Aktion der Landesmusikräte in Deutschland, die in jedem Jahr ein Instrument wählen, um es in den Fokus zu rücken. In Sachsen bin ich für die Aktivitäten im jeweiligen Jahr zuständig und ich muss zugeben, dass die leisen Zweifel durchaus berechtigt sind. Ist ein Gerät, das für populäre Musik mit technischem Hintergrund steht, in einer Reihe mit klassischen Instrumenten richtig plaziert?
Was ist das überhaupt für ein Ding?
Ein Synthesizer ist ein Kasten mit Tasten, Knöpfen, Strom und Elektronik. Vereinfacht gesagt, wird ein Schaltkreis entwickelt, der eine bestimmte Funktion ausführt. So gesehen, wäre selbst eine elektrische Türklingel ein Synthesizer. Ist das nun ein Instrument, und wie definiert sich das? Ein Musikinstrument ist ein Gegenstand, der mit dem Ziel angefertigt wurde oder der verwendet wird, um Musik zu erzeugen, sagt die KI. Also doch, der Synthesizer ist ein Instrument und zwar eines mit einer interessanten Historie.
Ein kurzer Blick in die Vergangenheit – die Anfänge
Der Synthesizer ist eines der einflussreichsten Instrumente der modernen Musik. Sucht man seine Wurzeln, so stößt man auf die überraschende Tatsache, dass bereits vor 250 Jahren elektrische Kraftwirkungen musikalisch genutzt wurden.
1896 begann der russische Ingenieur Lew Termen (später Leon Theremin) mit der Entwicklung des „Theremin“. Termen hatte Physik, Astronomie und Funktechnik studiert, aber auch Musiktheorie und Cello, und während seines Cellounterrichts überlegte er, wie man ein Musikinstrument auf andere Art spielen könnte. Er träumte davon, ein Instrument zu bauen, das nicht von den mechanischen Gegebenheiten der Hände begrenzt wird, sondern auf deren freie Bewegung im Raum reagiert. Die Kombination zwischen musikalischer Bildung und physikalischem Know-how des Tüftlers war ideal. Das fertige Gerät begeisterte Lenin höchtselbst, der den Erfinder auf Werbetour um die ganze Welt schickte. Der Theremin ist jedoch schwer zu spielen und hatte keinen dauerhaften Erfolg.
Weiterentwicklung im 20. Jahrhundert
Ein wichtiger Wegbereiter der elektronischen Musik war Karlheinz Stockhausen, der ab 1953 im Kölner Studio für elektronische Musik des späteren WDR arbeitete. Mit Tongeneratoren, Filtern und Tonbandmaschinen erforschte er die Möglichkeiten, Klänge gezielt aufzubauen und zu verändern – noch bevor kompakte Synthesizer diese Verfahren in einem spielbaren Instrument vereinten.
Der entscheidende Fortschritt jedoch gelang dem Physiker und Elektroingenieur Robert Moog aus New Yorck in den 1960er-Jahren mit dem Moog-Synthesizer. Im Gegensatz zu früheren Modellen war er modular aufgebaut, konnte mit Spannungssteuerung programmiert werden und klang warm und musikalisch. 1964 präsentierte Moog seinen ersten Prototyp, der allerdings fünf Zentner wog und damit für die Bühnennutzung zu schwer war. Sodass Moog später den Minimoog entwickelte, der ein Verkaufsschlager wurde und bis heute als der klassische analoge Synthesizer gilt.
1968 wurde der Moog Synthesizer in Wendy Carlos’ Album Switched-On Bach (etwa »Bach unter Strom«) weltberühmt. Carlos hatte Kompositionen von Johann Sebastian Bach ausgewählt und mit elektronischen Klängen unterlegt. Der große Erfolg dieses Albums brachte einen kommerziellen Durchbruch und bewies, dass Synthesizer sich nicht nur für Science-Fiction-Klänge, sondern auch für klassische Musik eignen.
Parallel dazu entwickelte Don Buchla in Kalifornien seinen eigenen Synthesizer, den Buchla 100. Während Moogs Synthesizer für Melodien und Harmonien ausgelegt war, konzentrierte sich Buchla auf experimentelle Klänge und Perkussion.
Die 1970er- bis 1980er-Jahre: Der Synthesizer erobert die Popmusik
In den 1970er-Jahren wurde der Synthesizer zum Symbol des Progressive Rock und Krautrock. Bands wie Kraftwerk (Autobahn, 1974) nutzten Synthesizer, um futuristische, robotische Klänge zu erzeugen. Ihr Album Trans-Europe Express (1977) beeinflusste die elektronische Musik nachhaltig.
Tangerine Dream und Klaus Schulze prägten zugleich die sogenannte Berliner Schule der elektronischen Musik. Mit ausgedehnten Klanglandschaften, sich wiederholenden Sequenzerfiguren und allmählichen Klangveränderungen erschlossen sie dem Synthesizer eine eigenständige musikalische Ausdrucksform.
In den 1980er-Jahren eroberte der Synthesizer die Popmusik. Geräte wie der Yamaha DX7 (1983) wurden zu Bestsellern und waren in unzähligen Hits zu hören (z. B. Take On Me von A-ha, Sweet Dreams von Eurythmics). Der DX7 nutzte digitale FM-Synthese und war einer der ersten erschwinglichen Synthesizer.
Die zunehmende Verbreitung von Heimcomputern, die Mitte der 80er-Jahre begann, ermöglicht es, elektronische Musik mit vergleichsweise geringen Mitteln zu produzieren. Günstige Synthesizer-Chips wie bspw. der legendäre SID des Commodore 64 stehen plötzlich in unzähligen Haushalten. Mit sogenannten Trackern entsteht darüber hinaus eine neue Gattung von Musiksoftware, die sich dem Komponieren von Musik aus einer ungewohnt technischen Perspektive nähert und von zahlreichen Enthusiasten angewandt wird. Computer-Musiker wie bspw. Chris Hülsbeck werden zu Stars der Szene.
Die 1990er-Jahre bis heute: Digitale Revolution und Hybridinstrumente
Die weitere Entwicklung führte elektronische Musik endgültig einem Massenpublikum zu: Rolands Bass-Synthesizer TB-303 und die Drumcomputer TR-808 und TR-909 wurden zu prägenden Werkzeugen der neuen, auf synthetischer Klangerzeugung beruhenden Musikstile House und Techno, die schließlich in eine internationale Club- und Jugendkultur mit eigenen Orten, Moden, Tanzformen und Gemeinschaftserfahrungen mündete. Elektronische Musik wurde damit auch zum Ausdruck von Identität, Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Freiräumen.
Auch die dem Synthesizer verwandten Kulturtechniken des Samplings, basierend auf den neu verfügbaren Samplern von AKAI und anderen Herstellern, sowie des Circuit Bendings, also des Manipulierens beliebiger elektronischer Geräte mit dem Ziel der Klangerzeugung, trugen zur Ausbildung neuer Musikstile bei. Als besonders erfolgreicher Vertreter dieser Entwicklungen kann der Brite Richard David James unter dem Künstlernamen Aphex Twin genannt werden.
Mit der fortschreitenden Digitalisierung wurden hochwertige Synthesizer immer günstiger und folglich leichter zugänglich. Software-Synthesizer wie ReBirth RB-338, Native Instruments Massive oder Serum ermöglichten es Musikern, ohne teure Hardware professionelle Klänge zu erzeugen. Gleichzeitig erlebten analoge Synthesizer ein Comeback, da ihr warmer, organischer Klang geschätzt wurde.
Heute gibt es eine riesige Vielfalt an Synthesizern:
- Analog-Synthesizer, z. B. Moog Subsequent 37, Roland SH-101
- Digital-Synthesizer, z. B. Yamaha Montage, Korg Kross 2
- Hybrid-Synthesizer, also Kombination aus analog und digital, z. B. Arturia PolyBrute
- Modulare Synthesizer, z. B. Eurorack-Systeme
Fazit
Der Synthesizer ist ein vollwertiges Instrument, das seit über einem Jahrhundert die Musikwelt revolutioniert. Er ist nicht nur ein Werkzeug für elektronische Musik, sondern bietet auch eine Brücke zwischen klassischen und modernen Klängen. Als „Instrument des Jahres“ verdient er diese Auszeichnung wegen seiner Innovationskraft, Zugänglichkeit und kulturellen Bedeutung. Als Verbindung von Mathematik und Physik zur Musik ermöglicht er ganz neue Kombinationen. Und genau da liegt auch seine Faszination: Kein anderes Gerät bringt Ingenieurswesen mit Kunst so eng zusammen.
Für Crossover-Projekte mit Kammer- oder Sinfonieorchestern bietet er endlose Möglichkeiten – von der Nachahmung akustischer Instrumente bis hin zur Schaffung völlig neuer Klangwelten. Der große Erfolg eines Stückes wie Switched-On Bach von Wendy Carlos, eine der meistverkauften Klassik-LPs aller Zeiten, zeigt, wie bereichernd die Kombination von Klassik mit elektronischer Musik sein kann.
Werkvorschläge zu Crossover Synthesizer mit Klassik
- Gabriel Prokofiev Synthesizer Concerto (2025) Chester Musik Ltd (World)
- Olav Anton Thommessen: From Above – A Concerto for Synthesizer and Orchestra
Weitere Informationen zu den genannten Werken finden Sie in der BDLO-Notenbibliothek.
Konzerte für Theremin mit Orchester
- Anis Fuleihan, Concerto for Theremin 1945 / Clara Rockmore
- Joseph Schillinger First Aerophonic Suite für Orchester und Theremin, uraufgeführt 1929
Theremin Solisten
weiterführende Links:
https://lydiakavina.com/repertoire
https://www.thorwaldjorgensen.com/repertoire






