Für viele Laienorchester sind schon seit langer Zeit die sechs „Concerti Armonici“, jahrzehntelang unter dem Namen von Giovanni Battista Pergolesi veröffentlicht, ein fester Bestandteil ihres Repertoires – und auch zahlreiche Kammer- und Barockorchester der europäischen Spitzenklasse bieten seit einigen Jahren interessante Interpretationen. Denn diese Concerti sind von großer Strahlkraft, mit eigentümlichen harmonischen Wendungen, spieltechnisch nicht besonders schwierig – eine packende, lebendige Musik!
Die Urheberschaft der sechs „Concerti armonici“, die im Jahr 1740 in Amsterdam im Erstdruck erschienen, war 240 Jahre lang umstritten und rätselhaft: Abwechselnd schrieb man diese eigenartigen Konzerte für Streicher dem sehr jung verstorbenen neapolitanischen Genie Giovanni Batttista Pergolesi (1710-1736) zu, zeitweilig auch dem in Amsterdam ansässigen italienischen Verleger Carlo Ricciotti (1675-1756). Gelegentlich wurde auch der deutsche Violinist und Komponist Johann Adam Birckenstock (1687-1733), aber auch Georg Friedrich Händel (1685-1759) als Komponist vermutet.
Das Rätsel blieb ungelöst, bis im Jahr 1980 der niederländische Musikwissenschaftler Alfred Dunning im Schloss der adeligen Familie van Wassenaer eine handschriftliche Partitur dieser Konzerte und einen Brief des Unico Willem van Wassenaer (1692-1766) entdeckte, der die Frage der Urheberschaft scheinbar beantwortete:
Unico Willem van Wassenaer – bis dato als Komponist völlig unbekannt – schrieb in diesem Brief, dass er diese Concerti in den Jahren 1725 bis 1740 komponiert habe, um sie mit Freunden zu spielen. Diese Freunde hätten ihn gedrängt, sie zu veröffentlichen , was gegen seinen anfänglichen Widerstand und schließlich – in übermäßiger Bescheidenheit – unter der Bedingung der Wahrung seiner Anonymität durch den Freund und Verleger Carlo Ricciotti auch geschah.
Die Urheberschaft van Wassenaers schien nun gesichert, und so betitelte Dunning seine Veröffentlichung triumphierend „A MASTER UNMASKED or THE PERGOLESI-RICCIOTTI PUZZLE SOLVED“.
Die zahlreichen Aufnahmen und Wiedergaben (bspw. YouTube) sowie Aufführungen nennen seither van Wassenaer als Kompositeur.
1. Unico Willem van Wassenaer entstammte einem alten holländischen Adelsgeschlecht. Er machte in jungen Jahren einige Reisen, studierte Recht, war ein begeisterter Laienmusiker und begann ab 1723 seine Karriere als Verwaltungsbeamter. Er bekleidete hohe militärische und diplomatische Posten.
Als junger Mensch verbrachte er mit seinem Vater einige Zeit am Hof in Düsseldorf (1707-1709), reiste später nach Paris (und vielleicht, doch unbewiesen, auch nach Prag, Wien und nach Italien). Er nahm dort vermutlich Musikunterricht bei lokalen Größen, welche musikgeschichtlich in Vergessenheit geraten sind. Der bekannteste Musiker, mit dem er in Kontakt gestanden haben könnte, war Agostino Steffani in Düsseldorf (der für den damals 15-jährigen Unico aber wohl nicht allzu viel Zeit gehabt haben kann, da er zu jener Zeit, mit diplomatischen Aufgaben betraut, oft auf Reisen war). Über Kompositionsunterricht für van Wassenaer ist nichts bekannt und nichts belegt. *1)
Ich halte es für äußerst unwahrscheinlich, daß diese spärliche Vorbildung ausgereicht haben kann, um dann, quasi feierabends, diese erstklassigen Konzerte zu schreiben! *2)
Was noch nährt meine Zweifel?
2. Von van Wassenaer sind weitere Werke bekannt (lt. Wikipedia: drei Sonaten für Blockflöte, eine für Cello, eine für zwei Violinen und Basso continuo, ein Konzert für Flöte und Streicher, zwei Motetten und weitere Konzerte für vier, fünf oder sieben Instrumente), die qualitativ sehr, sehr deutlich hinter den Concerti armonici zurückstehen! Stilistisch haben diese Werke kaum etwas gemein mit unseren Concerti. Insgesamt also doch eher ein äußerst bescheidenes Gesamtwerk – wären da (angeblich) nicht noch die Concerti armonici: sechs Konzerte im Stil der Concerti grossi des italienischem Barocks (als Vorbild eher Corelli als Vivaldi), aber in einer durchaus eigenen individualistischen Handschrift von großer Ausdruckskraft, 7-stimmig, meisterhaft, kurz: Spitzenwerke des Hochbarock!
Der qualitative Unterschied zu seinen anderen Werken ist gravierend und ebenso wie die stilistische Andersartigkeit gegenüber seinem sonstigen bescheidenen „œuvre“ kaum zu erklären.
3. Die von Dunning aufgefundene Partitur ist nicht die Handschrift van Wassenaers! Der Verfasser des Autographen ist unbekannt. Nur einige kuriose Eintragungen in der Partitur („zu lang“, „zu uniform“, „zu anstrengend“, „sollte korrigiert werden“, „mag es am meisten“) stammen von seiner Hand. Als Bemerkungen zur eigenen Komposition wären solche Anmerkungen gelinde gesagt zumindest merkwürdig!
4. In seinem beiliegenden Brief wird die Zeit, in der Komposition der sechs Concerti erfolgt sein soll, von 1725 bis 1740 angegeben. Genau in diesem Zeitraum vollzieht sich der größte stilistische Umbruch in der Musikgeschichte: vom Hochbarock zur Vor- und Frühklassik, dem „empfindsamen“ bzw. „sentimentalen Stil“. Die Concerti armonici jedoch sollen ohne erkennbare Entwicklung oder stilistische Veränderungen während angeblich 15 Jahren komponiert worden sein. Sollte dem begabten Dilettanten van Wassenaer – gebildet und der gesellschaftlichen Elite zugehörig – diese umwälzende Entwicklung wirklich entgangen sein?
Ich halte es für möglich, dass Dunning in seiner Begeisterung, ein seit Jahrhunderten bestehendes Rätsel gelöst zu haben, vielleicht übersehen hat, dass all diese Fakten, die er in seiner Forschungsarbeit als Indizien, teils als Beweise für eine Urheberschaft van Wassenaers erwähnt, vielmehr auch als Indizien für genau das Gegenteil gelesen werden können!
Warum aber sollte van Wassenaer solch einen Brief geschrieben haben, wenn er nicht Urheber dieser herrlichen Musik gewesen wäre? Wenn ich nach Antworten, nach Lösungen suche, muss ich eingestehen, dass ich sie nicht kenne und mich also ins Halbdunkel der Spekulation vortaste:
Eine Begebenheit, die sich 50 Jahre nach der Veröffentlichung dieser Concerti zutrug und in der Musikgeschichte vermutlich nicht einzig geblieben sein dürfte, könnte ein Licht auf die Entstehungsumstände der Concerti armonici werfen: Im Jahr 1791 komponierte ein hochverschuldeter Komponist ein Requiem, das vielleicht noch heute unbekannt in den Archiven verstauben würde, wenn die Komponistenwitwe Constanze sich an die vertraglichen Vereinbarungen des Kompositionsauftrages gehalten hätte, was sie – glücklicherweise – nicht tat! Sie hat die Partitur kopiert und später veröffentlicht, und so ist das Requiem der Nachwelt als ein Werk Wolfgang Amadeus Mozarts erhalten geblieben.
Auftraggeber damals war Graf Franz von Walsegg-Stuppach, ein Landadeliger aus der österreichischen Provinz, der selbst hatte anonym bleiben wollen. Er schickte einen ‚geheimnisvollen Boten‘, um die Komposition in Auftrag zu geben und sie später – ganz unbescheiden unter seinem Namen – öffentlich aufzuführen.
Das Bestehen auf Wahrung seiner Anonymität wäre leicht zu verstehen, wenn man van Wassenaers Befürchtungen bedenkt, durch eine Veröffentlichung unter seinem Namen eventuell als Schwindler in der noblen niederländischen Adelsgesellschaft entlarvt zu werden.
Andererseits hat ihm die „Selbstbezichtigung“ in seinem Brief (dem einzigen „Beweis“ der Urheberschaft) doch zu einem gewissen, wenn auch späten Nachruhm verholfen. Wie jedoch aus Gerichtsprozessen bekannt ist, ist die Eigenbezichtigung (das Geständnis) des Täters der schwächste aller Beweise (und leider sehr oft falsch)!
Wie gesagt, es ist spekulativ (wenn nicht respektlos) eine solche (oder ähnliche) Geschichte für unsere Concerti dem Grafen Unico Willem van Wassenaer zu unterstellen – aber sie scheint mir– aus all den genannten Gründen – um vieles wahrscheinlicher zu sein als seine Urheberschaft!
Vielleicht lassen eines Tages handschriftliche und stilistische Vergleiche mit den neuen Möglichkeiten der KI den wahren Urheber dieser herrlichen Concerti armonici erkennen.
*1) Die meisten dieser Informationen stammen aus Dunnings sorgfältig recherchierter Arbeit. Doch wie hier in nur wenigen Beispielen angedeutet, ist diese Arbeit voll von Vermutungen und Unterstellungen („vielleicht“, „möglicherweise“, „wohl“, „man kann sich vorstellen“) und zahlreichen Konjunktiven.
*2) Auch ein W. A. Mozart benötigte eine hervorragende Ausbildung und 174 Kompositionen, bis er im Stande war, seine erste Sinfonie zu schreiben, die sog. „Kleine“ g-Moll-Sinfonie (KV 175).
*3) Auf den bekannten Porträts Unico Willem van Wassenaers ist ein Charakterzug wie Bescheidenheit nur schwerlich zu erkennen.
LITERATUR:
– Albert Dunning: Count Unico Wilhelm Van Wassenaer: 1692–1766 (A Master Unmasked or The Pergolesi-Ricciotti Puzzle Solved). Knuf, Buren 1980
– Alfred Einstein: Mozart, Fischerverlag Frankfurt a.M. 2005 (1968)
– Dr. Matthias Hengelbrock in Klassik heute [08.01.2003]: Wilhelm van Wassenaer, Concerti armonici – Werke und Interpreten
– Baroque composers and musicians: The Mystery Composer Unico Wilhelm van Wassenaer: 1692-1766, internet arton publications
– Wikipedia: Unico Wilhelm van Wassenaer




