Norddeutsches Orchesterprojekt – Fast 100 Amateure spielen Gustav Mahlers 3. Sinfonie
Sie spielen in Orchestern in Lübeck, Hamburg, Stralsund oder Bremen, im richtigen Leben sind sie Mathematikerin, Lehrerin, Kurierfahrer, Polizist oder anderes. Am Sonntag, den 7. Juni, aber sind sie zusammenkommen, um eine gewaltige Sinfonie aufzuführen: Rund 200 Menschen spielten dann die längste Sinfonie, die je komponiert wurde – Gustav Mahlers Sinfonie Nummer drei. Das Besondere: Hier waren keine Profis am Werk, sondern hoch motivierte und gut ausgebildete Hobby-Musiker. In seiner Heimatstadt hat jeder mindestens ein semiprofessionelles Orchester im Hintergrund. Aber hier trafen sie sich wie in einer Art Nationalmannschaft: Ein Projekt des Landesverbands norddeutscher Liebhaberorchester (BDLO) führte Musiker aller Kategorien zusammen. Bei der Aufführung waren auch zwei Chöre und eine Altistin für eine Solopartie dabei.
Das Konzert fand in der Hamburger Laeiszhalle statt. Jeder übte seine Stimme bereits seit November des vergangenen Jahres, regelmäßig geprobt wurde seit Ende Februar – und zwar mit größter Hingabe, Leidenschaft und dem Anspruch an professionelle Präzision. Leandra Faust (21) aus Delmenhorst studiert Maschinenbau und macht gleichzeitig eine Ausbildung als Schlosserin. Sie baut im Alltag Schiffe und spielt in der Freizeit Bratsche. Vor dem Mahlerprojekt hatte sie Respekt wegen der Größe und der Tiefe des Stückes, auch, weil es nicht in der vertrauten Umgebung ihres Orchesters geprobt wurde.
Probenwochenende in Flensburg
Gleichzeitig faszinierte sie diese Herausforderung. Mit Begeisterung spricht sie über die Musik, darüber, was sie in dem wunderbaren Schlusssatz oder dem kammermusikalischen zweiten Satz oder dem gewaltigen Eröffnungssatz, der alleine bereits rund 40 Minuten dauert, empfindet. „Dürfte ich jetzt zwischen verschiedenen Sinfonien wählen, würde ich genau diese wieder ins Programm nehmen“, sagte sie am Rande eines intensiven Probenwochenendes in der Nähe von Flensburg.
Dirigent und damit musikalischer Pate für die Instrumentalisten war Wolf Tobias Müller (34) aus Hamburg. „Unser gemeinsames Ziel war es, Mahlers Vorstellung von der Musik auf die Bühne zu bringen – das setzte natürlich individuelle und beste Vorbereitung von jedem einzelnen voraus“, sagt er.
Dass alle Musiker aus unterschiedlichen Orchestern kommen, war für Müller auch eine Herausforderung. „Wir mussten uns in unseren Spielgewohnheiten zusammenfinden und uns streng an die Partitur halten.“ Und so war in seinen Proben auch immer das akribische Lesen der Noten und aller Bezeichnungen darin, die von Mahler selbst stammen, großer Bestandteil des gemeinsamen Lernens.
Der Komponist fordert mit Interpretationshinweisen wie „Mit furchtbarer Gewalt“ oder „Mit höchster Kraft, so dass die Saiten durch die heftige Vibration beinahe in Berührung mit dem Griffbrett gerathen“ eine pedantische Umsetzung des Notentextes ein – Müller ist dabei dem Geist Mahlers stets auf der Spur.
Auch weiter südlich zieht das Projekt des norddeutschen BDLO-Verbands Musiker in den Bann. Malte Wiemann kommt mit seinem Kontrabass aus der Nähe von Potsdam. Er arbeitet für einen Lieferdienst und investiert fast seine gesamte Freizeit und viel Geld in mehrere Orchesterprojekte. Wenn er nicht selbst spielt, hört er Sinfonien und andere Orchesterwerke, besucht Konzerte oder bereitet sich auf einen seiner Einsätze vor. Kaum ein Werk, das er nicht kennt, jeweils in unterschiedlichen Interpretationen. Er redet davon mit einer Leidenschaft, die man sonst von Fußballfans bei Besuchen von Stadien in der ganzen Welt kennt. Oder von Fans, die ihrem Popstar hinterher reisen. Maltes Star ist jetzt Gustav Mahler. In die Arbeit an dem Werk investierte er alle Kraft. Und das ist auch nötig. Dirigent Müller weiß: Das Werk stellt technisch und musikalisch höchste Anforderungen. Aber ist eine solche Sinfonie denn für Amateure geeignet? Sollte man das nicht lieber Profis überlassen?
Höchster Anspruch an Amateure
Müller zögert keine Sekunde: Nein, das sei keine Anmaßung. Geübte Laien könnten mit viel Herzblut ausgleichen, was Profis routiniert bewältigen. Deswegen ist auch die Probenzeit über einen längeren Zeitraum gestreckt, was wiederum mit Berufsorchestern im Konzertalltag kaum möglich wäre. Dass das funktioniert, hat Müller bereits bewiesen: Vor zwei Jahren hat er mit ähnlicher Besetzung die 2. Sinfonie von Mahler aufgeführt. Das Publikum applaudierte anschließend minutenlang im Stehen. Und viele der Amateure, die damals dabei waren, reden heute noch von diesem Erlebnis. Und waren jetzt bei Mahlers 3. Sinfonie wieder dabei.
Der Autor spielt Cello und ist Bestandteil des Projekts.





