Bertelsmann 2009, 347 Seiten, antiquarisch erhältlich – ausleihbar in der BDLO-Notenbibliothek
Dieses Buch portraitiert verschiedene Mitglieder eines seit mittlerweile 25 Jahren bestehenden musikalischen Menschheitsprojektes. Dabei vermittelt es auch eine Vorstellung davon, wie tief die Gräben im Nahostkonflikt sind. Die Cellistin Elena Cheah schrieb es zum zehnjährigen Jubiläum des Jugendorchesters 2009.
In dem in Weimar von Daniel Barenboim und Edward Said gegründeten Orchester spielen jugendliche Musiker aus dem Nahen Osten sowie – als diplomatischer Puffer – aus Spanien. Durch die spanischen Mitglieder wird es möglich, „andere Themen als Politik anzusprechen, ohne gleich das Gefühl zu bekommen, das Naheliegende zu vermeiden“.
Wurden anfangs auch Jugendliche aufgenommen, die sich zwar durch Lernbegierde auszeichneten, ihr Instrument aber kaum beherrschten, forderte Barenboim von den Musikern bald, das höchstmögliche musikalische Niveau zu erreichen. Das verlangt von den Orchestermitgliedern neben dem Ausbau ihrer musikalischen Fähigkeiten auch die Entwicklung von Werten wie Bescheidenheit, Selbstbeherrschung und Akzeptanz. Dafür erhalten die Jugendlichen Unterricht von Profi-Musikern, etwa von Mitgliedern des Chicago Symphony Orchestra und der Berliner Philharmoniker. Außerdem nehmen sie an humanistischen Workshops und Diskussionsrunden teil.
Eine Grundannahme dieses Orchesterprojekts ist, dass es keine militärische Lösung für den Nahostkonflikt gibt. Stattdessen setzt das Orchester auf die „Langzeitpolitik der Kultur“. Beidseitiger Unwissenheit und ständigem Selbstbehauptungsgebahren setzt das Orchester musikalische Zusammenarbeit entgegen.
Die Unwissenheit über die Menschen auf der jeweils anderen Seite des Konflikts ist enorm: Beide Seiten berichten, wie sie dazu erzogen worden sind, einander zu hassen. Die palästinensischen Schuluniformen haben die selbe Farbe wie die Soldatenuniformen. In Israelis sehen die arabischen Orchestermitglieder „Ungeheuer“, die ihnen so fremd sind wie „Aliens“. Eine israelische Oboistin schildert: „Im Allgemeinen hatte ich Angst vor Muslimen. Ich dachte, alle wollten mich töten, also hatte ich vor allem Angst, was mit ihnen zu tun hatte.“ In der verpflichtenden militärischen Grundausbildung Israels werden „eigene Gedankengänge ausradiert“, um bedingungslosen Gehorsam zu erzielen. Die israelische Militärsprache hat die Sprache der Zivilbevölkerung bis zur Ununterscheidbarkeit durchdrungen. Als die Tätigkeit im Orchester erstmals sein Interesse am Nahostkonflikt weckte, musste ein Israeli feststellen, dass er Bücher darüber nur erhalten konnte, wenn er Titel und Autor bereits kannte, um sie gezielt im Buchladen zu bestellen.
Dementsprechend ist es für beide Seiten sehr anstrengend, dem „Feind“ persönlich gegenüberzusitzen. Viele arabische Mitglieder haben die Sorge, mit ihrer Teilnahme am Orchester den Status quo in Nahost und damit den Staat Israel anzuerkennen. Nicht wenige Menschen in Israel halten Barenboim und sämtliche Orchestermitglieder für anti-israelisch.
Entsprechend groß und tiefgreifend sind die Erkenntnisse, die die Musiker im Orchester erleben:
Als ein israelischer Musiker in einem Vortrag zum ersten Mal mit der palästinensischen Sichtweise auf die Mauer im Westjordanland konfrontiert wurde, hielt er das für üble Propaganda, bis ihm auffiel, dass wohl keine der beiden Seiten Lügen verbreitet, sondern lediglich den Teil der Wahrheit präsentiert, der ihr genehm ist.
Ein libanesischer Cellist berichtet: „Ich sitze hier mitten im Orchester und höre, wie mich die Harmonien durchdringen, und manchmal überkommt mich eine so große Freude, dass ich nicht weiterspielen kann.“ In den Diskussionsrunden fällt ihm auf: „Sobald eine Krise da ist, reagieren die Menschen auf allen Seiten so, als hätten sie noch nie eine andere Meinung gehört.“
Als die israelische Oboistin bemerkt, wie unterschiedlich Menschen auf eine bestimmte Situation reagieren, begreift sie, dass es nicht die Situation ist, die ihre persönliche Reaktion erzeugt, sondern dass sie selbst die Verantwortung für ihre eigene Reaktion übernehmen kann, anstatt die Schuld in den äußeren Umständen oder bei anderen Menschen zu suchen.
Ein arabischer Musiker lernte im Orchester, dass wohl 80% der Probleme gelöst werden könnten, „indem man einfach ein Mensch ist.“
Die Konzertreisen des Divan Orchestra bedeuten oft diplomatische Herausforderungen, da z.B. staatenlose Palästinenser nicht reisen können und Syrer kein israelisches Gebiet betreten dürfen.
Auch in den Proben kocht der Konflikt hoch, wenn etwa der israelische Bratschist seinen arabischen Pultnachbarn schreiend niedermacht und ermahnt werden muss, sich wie ein normaler Mensch zu benehmen. Gegensätze und Widersprüche werden ausgehalten. So befürwortet ein israelisches Orchestermitglied den Krieg, nimmt aber trotzdem an diesem Friedensprojekt teil.
Unter dem Dach des Orchesters gibt es verschiedene Entwicklungen. So gründete ein Mitglied eine Musikschule für palästinensische Flüchtlingskinder. Das Orchester unterstützte einen jungen Libanesen bis zur Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Weimar. Als Kind konnte er zunächst wegen des Krieges keinen Geigenunterricht erhalten. Später am Konservatorium musste er sich mit klassischer Musik auseinandersetzen, obwohl er eigentlich orientalische Musik spielen wollte. Bald hatte er dort ausgelernt und wurde über das Orchester so weit ausgebildet und finanziell unterstützt, dass er in Deutschland studieren konnte. Mit Blick auf seine ebenfalls nicht stromlinienförmige Ausbildung ärgert sich ein kuwaitischer Geiger darüber, dass er mit dreißig noch an Dingen arbeiten muss, die er mit acht Jahren hätte lernen sollen.
Außerdem bietet dieses Buch inspirierende Einblicke in die Probenarbeit Daniel Barenboims.
Im Anhang hält es eine Zeittafel bereit, auf der zentrale Ereignisse der israelisch-palästinensischen Geschichte sowie die Entwicklung des Orchesters dargestellt werden.
Bis heute tritt das Orchester jeden Sommer bei namhaften Festivals und in renommierten Konzertsälen auf: Die aktuellen – und sehr schnell ausverkauften – Konzerte findet man hier: https://west-eastern-divan.org/events
Auf seiner Homepage erklärt das Orchester, dass es auch in der jüngsten Zuspitzung des Nahostkonflikts nicht nur eine politische, sondern vor allem eine menschliche Krise sieht. Nach wie vor setzt das Orchester darauf, die Komplexität der Situation und die Gegensätzlichkeit der Sichtweisen anzuerkennen und auszuhalten. Es bleibt seinen humanistischen Werten der Gewaltfreiheit, des Zuhörens und der Gleichwertigkeit jedes Menschen treu. Wer das Buch gelesen hat, kann ahnen, welche Mühe und Überwindung diese gemeinsame Erklärung gekostet haben dürfte.



