James Rhodes: Der Klang der Wut. Wie die Musik mich am Leben hielt.
Nagel & Kimche 2016, 314 Seiten, 22,90 € – ausleihbar in der BDLO-Notenbibliothek
Diese Autobiographie eines Konzertpianisten leistet Dreierlei: Sie macht arg anschaulich, was sexueller Kindesmissbrauch bedeutet – während der Taten und später als Trauma; sie informiert ungeschönt über die Lebensläufe von Komponisten; außerdem gibt sie Anregungen für das Üben und die Konzertgestaltung.
James Rhodes zeigt auf drastische Weise die Kraft klassischer Musik, die dem Leben „zuverlässig und wiederholt etwas mehr Spannung, Glanz, Tiefe und Kraft“ gibt und die „reine, hochdosierte Energie schenkt, wenn man sich leer, gebrochen und erschöpft fühlt“. Das Titelbild zeigt eine explodierende Klaviatur. Im Text geht es so weiter.
Das Martyrium, das der Sportlehrer dem kleinen James angetan hat, wird recht detailreich und vor allem deutlich benannt: „Ich wurde ab meinem siebten Lebensjahr benutzt, gefickt, gebrochen, als Sexpuppe missbraucht und geschändet.“ Den erwachsenen James Rhodes interessiert weniger, „wie ich schlucken und den Arsch hinhalten lernte“, sondern welche (selbst)zerstörerischen Folgen solche Erlebnisse im Leben eines Menschen haben können. In seinem Fall sind damit sowohl handfeste körperliche Probleme gemeint, als auch krasse Drogensucht („Ich schaufelte mir gierig die Nase voll“), Ritzen als Bewältigungsmechanismus („Die Schriftart ‚Rasierklinge‘ ist echt abgefahren“), gescheiterte Beziehungen und auch das Entsetzen darüber, wie der Täter sogar noch Rhodes‘ Sohn die Kindheit raubt. Rhodes schildert, mit welchen fatalen Folgen das in seinem Selbstwertgefühl zerstörte Opfer stets die Schuld für alles bei sich selbst sucht. Gleichzeitig warnt er vor dem gefährlichen Potential einer Opferrolle. In seiner Therapie-Odyssee trifft er auf „unprofessionelle Wichser“ und ein „unglaublich pharmafreundliches“ Krankenhaus, das den einst Drogenabhängigen erneut high macht. Seine Aussage bei der Polizei bedeutet eine weitere Demütigung und bleibt zunächst wirkungslos.
Rhodes spricht über Methoden für das Üben und die lebensrettende Rolle seines Lehrers („der brachialste Dreckskerl“, der „perfekt für jemanden wie mich, der undiszipliniert und überenthusiastisch war“). Er spornt dazu an, auch noch im Erwachsenenalter ein Instrument zu erlernen.
Dieses Buch ist gemacht für „jemanden, der die Vorstellung, zu einem Klavierkonzert zu gehen, in etwa so verlockend findet wie eine Wurzelbehandlung“ – und für alle, die mit Kindern arbeiten, denn die Bundesbeauftragte gegen Kindesmissbrauch geht davon aus, dass pro Schulklasse ein bis zwei Kinder sexuelle Gewalt erleiden.



