tutti.info: Liebe Eva, nach Studium, Familie und inmitten einer erfolgreichen Selbstständigkeit hast Du Dich entschlossen, nochmal die Schulbank zu drücken: Umgeben von Schulabgängern besuchst Du seit 2025 die Berufsfachschule Dinkelsbühl im Hauptfach Ensembleleitung und Cello. Was hat Dich zu diesem Schritt bewogen? Gab es einen Schlüsselmoment, an dem du dachtest: „Das reicht mir so als Hobby nicht mehr, ich muss da noch mal ganz tief eintauchen?“
Tatsächlich gab es keinen einzelnen Schlüsselmoment, es war ein Prozess: Nach 20 Jahren musikalischer Pause durch Beruf und Familie lag die Musik auf Eis. Erst als ich dann eine Pianistin kennenlernte habe und mein Cello aus der Ecke geholt habe, merkte ich, wieviel Freude mir das gemeinsame Musizieren macht. Also habe ich wieder Cellounterricht genommen, mein Ehrgeiz war geweckt. Das bemerkte auch mein Lehrer, und er hat mich ermutigt, dranzubleiben. Ich wollte wissen, was ich noch erreichen kann, sei es ein größeres Orchester, Konzertauftritte oder ganz neue Formate. Eines dieser ganz neuen Formate war dann mein Mitwirken in der Schwäbischen Bläserphilharmonie. Als Streicherin im Blasorchester, das ist nicht nur eine ganz neue, andere Welt, sondern auch eine sehr besondere Funktion im Orchestergefüge. Das hat mir gefallen. Eine Flötistin aus dem Orchester erzählte mir dann von der Berufsfachschule für Musik in Dinkelsbühl und dass man dort auch in Teilzeit studieren kann. Das eröffnete mir eine neue Perspektive. Ich dachte immer, Musik zu studieren, geht nur Vollzeit und an einer Hochschule und zudem nur für junge Leute. Also habe ich ein persönliches Gespräch geführt, eine Aufnahmeprüfung gemacht, und siehe da: Mittlerweile habe ich das erste Schuljahr erfolgreich absolviert.
tutti.info: Was haben Deine Kinder zu Deiner Entscheidung gesagt?
Na ja, meine Kinder waren damals schon 16 und 21 Jahre. Natürlich habe ich sie gefragt, denn diese Ausbildung zu beginnen, bedeutete, regelmäßig zwei Tage pro Woche auswärts zu wohnen. Sie haben mir sofort „grünes Licht“ gegeben und fanden meine Entscheidung klasse.
tutti.info: Und wie hat Dein Umfeld auf Deinen neuen Weg reagiert?
Da war es durchaus differenzierter oder sagen wir schwieriger, auf Verständnis zu stoßen: Die Frage „Lohnt sich das noch?“ ist tabu und kommt deshalb in ganz unterschiedlichen Gewändern daher: „Willst du dir das wirklich noch antun?“ oder „Was bringt Dir das?“ sind beliebte Frageformen.
tutti.info: Und was sagst Du diesen Menschen dann?
Wir wissen alle nicht, wie alt wir werden. Ja, ich bin bereits über 50 und somit mindestens in der zweiten, wenn nicht sogar in der „Dritten Lebenshälfte“, so fühlt sich es sich für mich an. Aber warum soll ich davon ausgehen, dass es sich nicht mehr lohnt? Für mich persönlich ist das die falsche Fragestellung. Ich frage mich: Welche Möglichkeiten habe ich jetzt in dieser Lebensphase? Welchen neuen geistigen Horizont und welche Ziele möchte ich noch erreichen? Ich bin glücklich, dass ich mir die Zeit freischaufeln kann und gesund genug bin. Viele Faktoren kommen zusammen. Jedes Gehirn ist nur so gut, wie man es nutzt. So komme ich zu dem Fazit: Geh, wohin deine Neugier dich trägt! Neugierig zu bleiben, hält jung. Und hey, und ich hab noch mindestens 30 Jahre vor mir… bitte!
tutti.info: Lass uns hier nochmal tiefer schauen. Geht es vielleicht nicht in erster Linie darum, nur etwas Neues zu lernen, sondern auch, wo und mit wem? Die Berufsfachschule ist keine klassische Erwachsenen-Bildungsstätte, sie wird meistens von jungen Menschen besucht, die sich auf ein Musikstudium an einer Hochschule vorbereiten. Wie fühlt es sich an, diesen Schulalltag mit einer völlig anderen Lebenserfahrung zu teilen? Was kann die junge Generation von Dir lernen und was kannst Du umgekehrt vielleicht auch noch von ihnen lernen?
Oh, das sind viele Fragen. Der Reihe nach: Es gibt Fächer, die für mich eine reine Wiederholung sind. Dass mir aus meinem Studium der Musikwissenschaft nichts angerechnet wurde, nervte mich erstmal. Aber ehrlicherweise musste ich mir eingestehen, dass mein Studium knapp 30 Jahre zurückliegt, und so sehe ich es nun als willkommene Wiederholung.
Wenn man auf seinem persönlichen Lebensweg schon viel erreicht hat und dann nochmal die Chance bekommt, neue Kompetenzen zu erwerben, ist das ein großes Geschenk. Nicht nur für einen selbst, sondern auch, um der Gesellschaft etwas zurückgeben zu können. Denn wenn ich nach meiner Ausbildung Menschen in ihrer Freizeit begleiten darf, weil sie beispielsweise in einem Chor singen, den ich leite, oder Schüler auf dem Cello unterrichten kann … damit hält man doch die Kultur der Musik aufrecht. Das ist das größere Ganze. Ich habe in jungen Jahren nicht wirklich verstanden, dass Bildung ein Geschenk ist, es war einfach normal, eine Schule zu besuchen und hinterher zu studieren. Ich lerne generell wahnsinnig gerne, und das nochmal aus eigenem Wunsch heraus zu tun, ist sehr schön.
Meine Mitschülerinnen sind alle um die 20. Sie stehen am Beginn ihres beruflichen Werdegangs. Was ich sehr schön zu beobachten finde, ist der Fleiß und die Hingabe der jungen Musiker. Vielleicht liegt das daran, dass sie auf einem Weg sind, den sie wirklich selbst gewählt haben. Das inspiriert mich sehr. Ob die Jüngeren etwas von mir lernen? Ich sehe manches vielleicht relativer, nehme die Ausbildung ernst, aber sie hat keine existenzielle Bedeutung für mich. Wenn sie beim gemeinsamen Lernen Fragen haben, kann ich einen Bogen zu weiteren Themenbereichen schlagen und so die Frage bzw. Antwort in einen größeren Kontext setzen. Das schätzen sie sehr. Sie wiederum lernen auf eine natürlichere Weise. Im Cellounterricht sind meine eingeschliffenen Routinen manchmal hinderlich, und das Umtrainieren ist aufwendiger. Diese Offenheit der Jüngeren nehme ich mir zum Vorbild. Ein buddhistisches Sprichwort sagt: „Eine volle Tasse kann man nicht füllen“. Das ist sehr wahr.
Und kochen – ich kann mit dem ein oder anderen Rezept die Studentenküche bereichern!
Das ist tatsächlich eine spannende Frage. Glücklicherweise kann ich die Methoden, die ich im Redecoaching nutze, auch für meine eigenen musikalischen Vortragssituationen sehr gut anwenden. Ich habe eine Ausbildung in Kinesiologie und Klopfakupressur absolviert. Das ist eine Methode, um Blockaden aufzulösen, die sich im Unterbewusstsein befinden. Das funktioniert super bei Lampenfieber und hat mir persönlich schon vor vielen Jahren geholfen, wenn ich merke, dass ich mental angespannt bin. Das kann ich zur Vorbereitung auf die Prüfungen nutzen, die ich nun selbst an der Berufsfachschule erneut habe. Es hat also auch Vorteile, wenn man erst im Alter was Neues anfängt, weil man an bereits vorhandene Erfahrungen anknüpfen kann.
tutti.info: Ja, das ist sicher ein spannender Punkt. Aber birgt er auch die Gefahr, dass man nicht so recht in die Schülerrolle reinfindet? Denn als Coach und Unternehmerin bist du es gewohnt, die Expertin im Raum zu sein. In Dinkelsbühl korrigieren und bewerten dich Dozenten. Wie schwer war es anfangs mental, das eigene Ego an der Schultür abzugeben und wieder reine Schülerin zu sein?
Hier gilt für mich ganz klar: Die jeweilige Rolle hat Vorrang. Es gibt Dozenten, die sind weitaus jünger als ich, aber darüber mache ich mir keinen Kopf. Das hat man im Berufsleben ja auch. Das Risiko ist vielmehr, dass ich im Unterricht in Fachgespräche gerate, weil ich Vorwissen habe und da muss ich mich manchmal bremsen. Das hat eine gewisse Dynamik, die ich im Blick behalten muss. Unterrichtet zu werden, ist sehr interessant: Zu beobachten, wie die Lehrenden ihre Lehrziele erreichen, wie sie die Schülerinnen und Schüler führen. Und auch die Methoden: was mich motiviert, in welcher Art ich Feedback erhalte, was mich neugierig macht und was mich genervt oder gelangweilt zurücklässt. Das sind alles Elemente des Unterrichts und es ist für mich sehr spannend, hier auf zwei Ebenen zu lernen. Lernen ist ein lebenslanger Prozess und erfordert Offenheit für Neues, da ist das eigene Ego selten ein guter Berater.
tutti.info: Pendeln zwischen Schorndorf und Dinkelsbühl, die Selbstständigkeit am Laufen halten und täglich Cello üben…. nimm uns mal mit in deinen Alltag. Wie sieht so eine typische Woche bei dir aktuell aus und wie viel Schlaf, oder auch gesellschaftliche Kontakte opferst du für deinen Traum?
Also das Wichtigste zuerst: Schlaf opfere ich nicht, denn das ist die Basis für alles. Aber mein Engagement im örtlichen Orchester musste ich aufgegeben, und auch mein Ehrenamt im Verein. Ich brauche momentan manchmal Scheuklappen, damit ich mich gut fokussieren kann und nicht selbst zu viel ablenke von Dingen, die rechts und links neben mir passieren. Freunde sehe ich nun eher in den klassischen Schulferien. Ja, ich habe wieder Schulferien! Hinzu kommt die Selbstständigkeit, die mir Flexibilität gibt, aber andererseits auch Flexibilität von mir verlangt. Zwei Tage pro Woche bin ich regelmäßig an der Schule, die restliche Zeit sind Selbstständigkeit, Haushalt und Familie gewidmet. Die meisten Schüler in Dinkelsbühl sind dort in der Vollzeitausbildung. Es ist meine persönliche Herausforderung, mein Teilzeitmodell auf einen auf Vollzeit ausgelegten Stundenplan zu übertragen. Deshalb dauert für mich die Ausbildung auch länger.
tutti.info: Beim Üben stoßen wir im Erwachsenenalter oft an mentale, aber auch zeitliche Belastungsgrenzen. Gab es in den letzten Monaten einen Moment in Dinkelsbühl, an dem du dich gefragt hast: ‚Warum tue ich mir das eigentlich an?‘ Und wenn ja, wie hast du dich da wieder herausgezogen?
Oh ja, das gehört auch zu der ganzen Wahrheit meiner Geschichte dazu. Es gab in der Mitte des Schuljahres einen Punkt, da habe ich gemerkt, dass ich keine Kraft mehr habe und gar nicht wusste, warum ich da eigentlich hinfahre. Ich wusste, dass dieser Tiefpunkt irgendwann kommen wird. Also habe ich das für mich analysiert: Was ist gut? Was sind die Nachteile? Welche Alternativen hätte ich? Was könnte ich stattdessen machen? Nur weil ich mal keinen Bock habe, soll das nicht heißen, dass das eine schlechte Entscheidung war. Diese Analyse war ein einmaliger Prozess und dieser ist zu Gunsten der Schule ausgefallen. Es gibt immer Durchhänger, das ist vergleichbar mit einem Marathon. Und es geht darum durchzuhalten. Ich habe ja auch gesehen, dass ich in meinem Cellospiel besser geworden bin, das motiviert mich natürlich. Und ich habe meinen Ehrgeiz etwas an meine Lebensumstände angepasst und mir gesagt: “Dann hab ich halt mal nicht gelernt“.
tutti.info: Wenn die intensive Zeit in Dinkelsbühl vorbei ist: Worauf freust du dich am meisten?
Zunächst freue ich mich darauf, wieder in ambitionierten Orchestern oder Ensembles zu spielen, und das mit Leichtigkeit und Freude, statt mit Anspannung. Leichtigkeit ist sowieso ein guter Kompass. Klar geht es nicht ohne Arbeit, aber mit Leichtigkeit geht alles besser! Und wer weiß, vielleicht finde ich einen Chor oder Ensemble, die eine neue Leitung suchen. Das würde mir große Freude machen.
Informationen über die Berufsfachschule für Musik Dinkelsbühl



