Es lohnt sich immer
… nach unbekannten Werke zu forschen! Oft sagt man über mittelmäßige und selten aufgeführte Werke (sowohl in der Literatur als auch in der Musik), sie seien zu Recht in Vergessenheit geraten. Mag sein, dass dies für einen Teil zutrifft. Aber das »Sieb der Zeit« sortiert nicht gleichmäßig aus, und so fallen zuweilen auch Meisterwerke durch die unregelmäßigen Maschen und landen im Tal der Vergessenheit, sozusagen im Unterbewusstsein unserer Kultur. Und genauso wie beim Menschen die Erforschung des Unterbewusstseins erhellend und heilend sein kann, so gilt dies auch für unsere Kultur.
Beim Lesen von Künstlerbiografien oder auch beim Besuch von Bibliotheken bekommt man eine ungefähre Ahnung, dass der schöpferischer Output in der Kunst um ein Vielfaches größer war und ist, als das, was letztlich über die Zeit bleibt. Immer wieder erschreckt mich der Gedanke, dass da große Meisterwerke schlummern könnten und vielleicht die besten aller Werke nie bekannt werden … Deshalb sind wir Kulturschaffenden meines Erachtens verpflichtet, ins »kulturelle Unterbewusstsein« zu dringen und dort auf Entdeckungsreise zu gehen.
Ursula Mamlok – eine besondere Entdeckung
Auf einer dieser Reisen entdeckte ich die Komponistin Ursula Mamlok. Sie war eine deutsche Jüdin, die, wie so viele andere, mit Deutschland eine traurige und komplizierte Beziehung hatten. 1923 in Berlin geboren, schon früh die Liebe zur Musik entdeckt, aufgewachsen in der brodelnden Kulturstadt, musste sie mit ihren Eltern 1939 fliehen. Die Familie kam in Guayaquil (Ecuador) unter, wo die knapp 17-Jährige einen Kulturschock erlitt: es gab dort kein kulturelles Leben. Von da an hatte sie keine Heimat mehr und fand ihre ganze Lebensaufgabe in der Musik. In einem Interview sagte sie: »Ich bin entwurzelt, denn ich fühlte nie meine Heimat, die Musik ist meine Heimat«.
Ihre Hauptlebens- und Schaffenszeit war ab ihrem 17. Lebensjahr in New York. Sie bekam Stipendien, studierte an der Manhattan School of Music und widmete sich voll und ganz dem Komponieren. Ihren Lebensabend allerdings – und das, obwohl von Deutschland so viel Leid über ihre Familie gekommen war – verbrachte sie wieder in Berlin, wo sie 2016 verstarb. »Sie hatte die Gräueltaten der Deutschen im sogenannten 3. Reich nicht vergessen und nicht verdrängt, aber sie hatte auch die jetzige [neue] Generation in Deutschland kennen gelernt und viele intensive Freundschaften aufgebaut.«
Ursula Mamloks Tonsprache hat mich sofort fasziniert. Ähnlich wie bei Anton Webern kann sie in kurzen Stücken, mit erstaunlich wenig Tönen genaueste Skizzen von Emotionen oder Begebenheiten zeichnen. Es mutet wie Tuschezeichnungen an, die mit wenigen aber ganz klaren Strichen auskommen. Und dann ist da noch ihr Humor, der sich unmittelbar überträgt. Ich war mir sofort sicher und behauptete: Das ist eine Sprache, die von vielen verstanden und sowohl bei den Ausführenden als auch beim Publikum unmittelbar spürbaren Erfolg haben wird. Meine Wahl für das Frühjahrsprogramm 2026 des Landesjugendorchesters Sachsen fiel auf ihr Orchesterwerk Grasshoppers. Es sind sechs kurze Humoresken über mehr oder weniger Alltägliches. Meine Assoziationen zu den einzelnen Stücken:
I Sonntagsspaziergang – schon nach 10 Sekunden stört der erste Bekannte, der laut rufend grüßt …
II Nächtliche Serenade – das zarte Liebeslied wird nicht erhört; das wütende Aufstampfen hilft auch nicht; erfolgloses Verstummen
III Im Regen – es regnet offensichtlich nur leicht; der Ärger ist trotzdem groß
IV Menuett – eigentlich ein Tanz für angehend Verliebte; immer wiederkehrendes unschlüssiges Verharren verhindert das Glück …
V In der Armee – mit diesem Marsch wird kein Krieg gewonnen; vermutlich kommt man nicht einmal bis zur Front
VI Eilig Heimwärts – Kinderfüße hüpfen nach Hause, stolpern zuweilen ungeschickt und huschen leise davon
Schon bei der Probenarbeit zeigte sich große Begeisterung bei den Jugendlichen. Im Konzert schlussendlich bewahrheitete sich meine Behauptung: Grasshoppers wurde vom Publikum mit spontanem Lachen zwischen den Stücken und frenetischem Applaus aufgenommen und, wie mir scheint, sofort verstanden. Ursula Mamlok gehört zweifelsohne zu den Künstlerinnen, für deren Werke sich Entdeckungsreisen ins Unterbewusstsein unserer Kultur lohnen.



