Sechs Geigen, zwei Bratschen, ein Cello und der Kontrabass der Gastgeberin Gudrun boten einen veritabel satten Streichersound, den wir Bläserinnen und Bläser (Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott) zusammen mit einem Salon-Tastenlöwen am Flügel dann verschiedenfarbig ergänzten. 15 Notenpulte standen bereit, 15 Stühle waren aus dem gesamten Haushalt zusammengetragen worden. Jetzt galt es, aus Stapeln von Salonmusiknoten jene Stücke auszuwählen, in denen auch die Bratschen besetzt waren und eine B-Klarinette. Mit den Notenblättern mussten wir – wegen eines teilweise beachtlich hohen Papierzerbröselungsfaktors – beim Austeilen ganz behutsam umgehen.
Alla breve und D.C.
Ein orientierender Blick in die linke obere Ecke: Tonart, Taktart werden angesagt, zwei Takte laut vorgezählt und los geht’s. Erste Hürde: Zählen wir das Alla breve auf zwei oder doch lieber erst mal auf vier? Als weitere mögliche Salonmusiksollbruchstellen erweisen sich die häufigen Tempowechsel und natürlich die diversen D.C.-dal-segno-Sprünge, für die gerade Salonmusiknoten berüchtigt sind und die selten auf Anhieb klappen wollen. Die Tempo- und Taktwechsel erfordern einen beherzten Konzertmeister, der alle mitzieht. Das heillose Durcheinander verpatzter Segno-Sprünge zu vermeiden, hilft (vielleicht), sich diese vorher gemeinsam klarzumachen. Aber mit der von Gudrun in der Begrüßungsrunde bereits erwähnten Portion guter Laune, die für solche Salonmusik-prima-vista-Sessions geradezu überlebenswichtige Voraussetzung ist, gelang auch das (meistens) ganz prima. Als weitere Hürde, aber auch Chance, erwiesen sich die häufigen Fermaten oder auch mit zwei kleinen Strichen markierten Zäsuren: Einerseits werden sie gern einfach ignoriert, andererseits: Wenn sie von allen(!) wahrgenommen und beachtet werden würden, könn(t)en sie das manchmal doch auftretende Prima-vista-Chaos strukturieren … Trotz alledem – wir hatten großen Spaß mit folgenden Stücken: Merci!, Villanella, Beatrice, Lucienne, Positano, Pusztanächte, Galanterie, Intermezzo, Sitka, Sotek, Rêve angelique, Gern hab ich die Frau’n geküsst, Im Glockentempel, Zigeuner-Capriccio, Das Zauberschloss, In einem Klostergarten.
Die – nach jedem Stück – gleich wieder eingesammelten Noten wanderten schließlich auf unterschiedliche Stapel: „Wiederholenswert“ / „na ja“ / „zu verkaufen“… Weil der dritte Stapel doch eher klein blieb und weil in Gudruns Notenkammer weitere Kisten ungespielter Notenschätze der Entdeckung und Wiederbelebung harren, sind wir guter Hoffnung auf weitere Schnulzenspektakelorchestereinladungen.
Ein von uns allen zusammengetragenes Buffet bildete den Ausklang dieses besonderen Musiknachmittags.


