Zu Diskussion und Meinungsbildung im Orchester
Wie gelingt erfolgreiche Orchesterorganisation? Neben unabdingbaren Voraussetzungen wie eine geeignete Struktur (Rechtsform, verantwortliche Personen) und einem hohen persönlichen Engagement der zumeist ehrenamtlich Handelnden gehören sicher auch Verständnis und Kenntnis darüber, was die Menschen bewegt, für die wir (Organisierenden) tätig sind: unsere Orchestermitglieder. Aber wie finden wir das wirklich und umfassend heraus? Die im folgenden beschriebene Veranstaltung liegt zwar schon länger zurück (schließlich habe ich bereits 2017 in der Zeitschrift Das Liebhaberorchester einen Beitrag dazu geschrieben), wirkt aber mit ihrem Ergebnis in unserem Orchester bis heute nach.
Der Anstoß
Als ich vor einiger Zeit im Rahmen eines (damals noch so genannten) BDLO-Frühjahrsseminars einen kurzen Vortrag zum Thema »Mitgliederwerbung und -gewinnung in Liebhaberorchestern« hielt, kam nach Ende der sich anschließenden Diskussion einer der Seminarteilnehmer auf mich zu und stellte mir eine überraschende Frage: Ob wir in unserem Orchester für den »gegenteiligen Fall« eine Regelung hätten, oder anders ausgedrückt, wie wir mit älter gewordenen Mitgliedern umgehen, deren musikalische Leistungsfähigkeit langsam aber stetig abnimmt. Nein haben wir nicht, aber es ist eine spannende Frage und ein durchaus heikles Thema mit Konfliktpotential. Wenngleich sich bei uns – zumindest augenscheinlich – diese Frage damals nicht stellte, war mir sofort klar, dass auch wir in unserem Orchester nicht umhinkönnen, uns irgendwann einmal auch darüber verständigen zu müssen. Bei der weiteren Beschäftigung mit dieser Frage wurde schnell klar: Ein solches Thema ist zu bedeutsam, als dass darüber allein ein Vorstand beraten und entscheiden kann und will. Schnell kamen weitere Themen auf den Tisch, bei denen Gesprächs- und möglicherweise Handlungsbedarf besteht. Doch wie bekommt man ein tatsächliches Meinungsbild des Orchesters? Und wie gelingt es, alle Orchestermitglieder so mit einzubeziehen, dass am Ende möglichst alle das Gefühl haben: Meine Meinung wurde im Entscheidungsprozess gehört?
Wenn sich in der jährlichen Mitgliederversammlung das Auditorium durch die diversen, mehr oder weniger »trockenen«, Tagesordnungspunkte von Tätigkeits- und Kassenbericht bis Entlastung des Vorstands gekämpft hat, stehen erfahrungsgemäß beim dann noch obligatorischen »TOP 08-15« Sonstiges die ersten bereits mit dem Mantel in der Tür – klar, die Bahn fährt gleich – oder haben schon das Bier für den gemütlichen Teil in der Hand. Dann noch ein Thema zu diskutieren, endet entweder in einer ARD1-Runde, oder ich habe – immer schön die Reihenfolge der Wortmeldungen beachtend – nach zehn zwischenzeitlichen Redebeiträgen längst vergessen, was ich auf das vor einer gefühlten halben Stunde Gesagte erwidern wollte. Ganz abgesehen davon, dass es wohl in jedem Orchester etliche Mitglieder gibt, die sich gar nicht trauen, vor versammelter Mannschaft das Wort zu ergreifen. Also war klar: Das ist ebenso wenig der geeignete Rahmen, wie die üblichen Debatten in den Probenpausen und ggf. nach Probenschluss in der Kneipe.
Wie bitte? Ein Orchester in Klausur?
So überraschten wir2 unser Orchester mit der Ankündigung: Wir gehen in Klausur, um an einem »Probentag ohne Instrumente« miteinander ins Gespräch zu kommen – zu insgesamt fünf Themen wie bspw. Probenteilnahme, Brauchen wir eine Obergrenze bei der Aufnahme neuer Mitglieder? oder Wie verhalten wir uns als Verein in einer sich zunehmend polarisierenden Gesellschaft? Um dabei jedem Mitglied die Möglichkeit zu geben, sich zu allen angesetzten Themen äußern zu können, haben wir das Orchester3 zunächst nach Zufallsprinzip4 in fünf Gruppen aufgeteilt. Jedes Vorstandsmitglied war verantwortlich für ein Thema und hat sich mit einer Reihe von Fragestellungen, die wir vorab untereinander abgestimmt hatten, auf seine Rolle als Moderator des betreffenden Themas an einem »Thementisch« vorbereitet. Das bedeutete auch, mal nicht an »vorderster Front« mitzudiskutieren, mal nicht entscheiden müssen, sondern viel Zuhören und möglichst alle, auch die Stilleren, mit ins Gespräch einzubeziehen. Nach einer vereinbarten Zeit sind die Gruppen zum nächsten Thema gezogen. Für uns Moderatoren war es spannend zu beobachten, wie grundverschieden sich dasselbe Thema am selben Tag aber mit anderen Personen in jeder Runde entwickelte. In durchaus beabsichtigter Umkehrung des bekannten Sitzungs-Bonmots, das als Überschrift herhalten musste, gelang es und war auch wichtig, dass sich alle zu allem äußern konnten.
Das war die Basis für das im Anschluss an diese rotierenden Runden abgehaltene Plenum, in dem die am kontroversesten diskutierten Themen zusammengefasst und in großer Runde weiter besprochen wurden. Zur Auswertung dieses Tages haben wir den Orchestermitgliedern die zusammengefassten Protokolle der einzelnen Themenrunden unkommentiert zur Verfügung gestellt. Aus den Ergebnissen der Abschlussrunde wurde ein neuer Orchesterleitfaden5 entwickelt, der seither unsere bisherige und zum damaligen Zeitpunkt bereits etwas »verstaubt« wirkende Orchesterordnung ersetzt. Das Thema allerdings, das den Anstoß zu dieser Veranstaltung gab, haben wir letztlich (noch) gar nicht besprochen …
Gelungen!
Es war ein für (Amateur-)Orchester vielleicht ungewöhnliches Format, dessen Vorbereitung auch nicht zu unterschätzen ist. Aber: Es hat sich gelohnt! So die einhellige Meinung derer, die dabei waren. Auch als »basisdemokratische Übung« in sehr kleinem Rahmen: Wir haben unser Orchester(volk) gehört!
Und nun? – eine Nachbetrachtung
Mit der Klausur war der Austausch der Orchestermitglieder untereinander zu diesen Themen natürlich nicht beendet. Das zeigt sich unter anderem daran, dass unser im Ergebnis dieser Veranstaltung entstandene Orchesterleitfaden als »lebendiges« Dokument im Laufe der Zeit immer wieder an sich verändernde Gegebenheiten angepasst wurde.
Eines konnte die Klausur allerdings nicht leisten: Die in den einzelnen Stimmgruppen und Registern zum Teil sehr unterschiedlichen Befindlichkeiten abzubilden und den daraus entstehenden Bedürfnissen gerecht zu werden. Darum haben wir uns als Vorstand nach der Coronamaßnahmenzeit für alle Stimmgruppen und Register Zeit für einen ausführlichen Austausch in entsprechenden Gruppengesprächen genommen – ein Format, das von allen daran Beteiligten als sehr fruchtbar und zielführend wahrgenommen wurde.


