Das Programm sei eigentlich gar nicht speziell für den 8. März geplant gewesen, meinte die LHLO-Vorsitzende und Organisatorin des Projekts, Fanni Mülot, in ihrer Begrüßungsansprache – doch dann passte die reine Komponistinnen-Werkschau, konzipiert von Dirigentin Mary Ellen Kitchens, natürlich perfekt zum Frauentag. Das galt genauso für den Schauplatz dieser Sonntagsmatinée: Im gut besuchten Clara Schumann Saal von Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt, wo die Pianistin und Komponistin lehrte und starb, war die Neugier auf unkonventionelles Repertoire spürbar, das für die meisten im Publikum tatsächlich Neuland gewesen sein dürfte. In ihrer so kundigen wie launigen Moderation wies Kitchens auf den Werkstattcharakter des Konzerts hin, das eben den Erarbeitungsstand von nur drei Probentagen dokumentierte – der aber konnte sich wahrlich hören lassen.
Gleich der einleitende Kopfsatz aus der einzigen Sinfonia der Mozart-Zeitgenossin Marianne Martines – die beiden kannten sich gut und musizierten viel miteinander – bringt mit seinem galanten Stil frühlingshaften Schwung in den Saal. Zum Kontrast präsentiert Kitchens dann „Soul of Rememberance“ aus den „Five Movements in Color“ von Mary Watkins – darin taucht die heute 86-jährige afroamerikanische Musikerin, bekannt für ihre gekonnte Verschmelzung von Jazz-Idiomen, Spiritual-Traditionen und zeitgenössischer Klangsprache, in wehmütige Erinnerungen ein. Im Dialog zwischen Harfe und smoothem Streichersound entwickelt das LHLO-Projektorchester einen schönen Groove – zu Recht gab’s dieses Highlight am Schluss nochmal als Zugabe.
Im Zentrum der Frankfurter Femmage zum diesjährigen Frauentag stand ein so anspruchsvolles wie attraktives Tonbild von 1950, das mit seinem Klangfarbenreichtum und seiner Brillanz jedem Spitzenorchester gut anstünde: In der Ballettmusik „Eldur“ von der Isländerin Jórunn Viðar animiert Kitchens ihr Orchester mit präziser Schlagtechnik zu Höchstleistungen. In dem Stück glimmt, glüht und lodert das titelgebende Feuer, dass es eine Pracht ist. Die Violinsoli in Viðars pulsierendem Klangstrom übernimmt Konzertmeisterin Cornelia Scholz, die als Dozentin aus Darmstadt die Streicher gecoacht hat. Ebenso wie ihre Kollegen, der Bratschist Peter Gries aus Kassel und der Cellist Florian Streich vom Frankfurter Konservatorium, die gleichfalls an den ersten Pulten sitzen und die Stimmgruppen unterstützen.
Turini war auch die virtuose Solistin auf der Piccoloflöte in Dorothea Hofmanns stimmungsvoller Komposition „Animula vagula blandula“, die 2024 von ihr, Mary Ellen Kitchens und ihrem Orchesterverein Kempten uraufgeführt worden war. Schauplatz damals: die Glashalle der Thermen-Ausgrabungsstätte im Archäologischen Park von Kempten, als römisches „Cambodunum“ eine der ältesten Städte Deutschlands. Ein passender Ort, denn der poetische Titel von Hofmanns meditativem Stück stammt aus einem berühmten Sterbegedicht des römischen Kaisers Hadrian, das ihr als Inspirationsquelle diente. Aber auch in Frankfurt hinterließ diese klingende Selbstreflexion über die „kleine, flüchtige, schmeichelnde Seele“ dank Turinis Lockrufen, die an Vogelgesänge erinnerten, tiefen Eindruck.
Immer ein perfekter Rausschmeißer bei solchen Events ist die Ouvertüre zur komischen Oper „The Boatswain’s Mate“, also etwa „Der Kumpel des Bootsmanns“ von Ethel Smyth, der legendären britischen Suffragette und Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht. Dieses durchaus widerborstige Stück mit seinen harmonischen Querschlägen verfehlte auch in Frankfurt seine Wirkung nicht, denn der darin integrierte Schlachtruf von Smyth, „The March of the Women“, lädt zum Mitsingen geradezu ein. Der Funke des Gemeinschaftsgefühls, das das LHLO-Projektorchester unter Mary Ellen Kitchens mit dieser zündenden Musik vermittelte, sprang an diesem Nachmittag auf ein begeistertes Publikum über.



