Philipp Ther: Der Klang der Monarchie
Suhrkamp 2025, 562 Seiten, 32 €
In Kürze:
Philipp Ther, ein preisgekrönter Wiener Historiker, verfolgt die Idee einer musikalischen Geschichtsschreibung. Er schildert die Zeit der Habsburger Monarchie aus ihrer Musik heraus.
Dieses niveauvolle und mit etwas Konzentration gut lesbare Buch bietet anregendes Detailwissen für Konzerteinführungen. Die zentralen Thesen erscheinen jedoch nicht immer überzeugend.
Im Detail:
Erfreulich ist, dass sich an vielen Stellen dieses Buches Hintergrundinformationen finden, die jede Konzerteinführung bereichern dürften. So wird etwa der Diebstahl von Haydns Schädel in anschaulicher Detailfreude geschildert. Interessant ist auch der Hinweis auf den ursprünglichen Schiller-Text der „Ode an die Freude“, in dem nicht nur alle Menschen zu Brüdern werden, sondern sogar Bettler zu Fürstenbrüdern. Erfrischend sind die Informationen zu Komponisten-Reisen nach Ägypten und in die USA. Auch die Behandlung heute kaum noch gespielter Werke könnte Inspiration bei der Programmgestaltung bieten.
Angereichert ist das Buch mit Kartenmaterial und QR-Codes, die zu Aufnahmen der besprochenen Werke führen, was auch einen emotionalen Zugang zur geschilderten Epoche ermöglicht.
Als Leitmotiv für dieses Buch wählt der Autor das enge Verhältnis von Macht und Musik in der einstigen Großmacht. Das weckt Interesse, man denkt an Auftragswerke und Zensur, aber auch an revolutionäre Ansätze in der Musik. Doch so pauschal dieses Thema benannt wird, so diffus bleiben die Ausführungen dazu. Das liegt vor allem daran, dass das Buch zwar über einen umfangreichen Fußnotenapparat verfügt, aber gerade für die besonders interessanten Interpretationen und neuartigen Thesen keine Belege anführt. Nicht einmal dort, wo er gängigen Forschungsergebnissen widerspricht, stützt der Autor sich auf Quellen, z.B. dass Schubert nicht an Syphilis, sondern an anderen Krankheiten gestorben sei.
Wegweisend ist die Analyse, dass die Habsburger Monarchie als Ersatz für ihre durch Napoleon und die Revolution von 1848 erlittene Machteinbuße ein Prestige als Kulturstaat aufbaute. So feuerten ihre Militärkapellen nicht mehr das blutige Treiben der Soldaten an, sondern dienten der Repräsentation und gewannen internationale Wettbewerbe.
Der Autor legt dar, dass Beethovens Musik einen beträchtlichen Beitrag zur Bewährung der Habsburger Monarchie gegen die zahlreichen Angriffe geleistet habe, indem sie zum einen zur Selbstüberschätzung der Herrscher beigetragen habe und zum anderen das Publikum durch ihren Kampfgeist so überwältigt habe, dass es anschließend nicht mit politischen Forderungen auf die Straße gegangen sei. Beethoven wirdhier zum „Komponisten des Krieges und der neuen konservativen Ordnung unter Metternich“. Als Belege dafür führt der Autor an, dass Beethoven die Schlacht bei Vittoria monumental vertont hat, durch seine Lehrtätigkeit für einen Erzherzog ein Näheverhältnis zu den Habsburgern hatte und die „Eroica“ nicht Napoleon, sondern einem Mäzen gewidmet hat, um sich nicht als „Franzosenfreund“ unbeliebt zu machen. Zudem habe Beethoven wegen seiner Taubheit keine politischen Reden halten und wegen seiner isolierten Lebensweise keine Unruhen anstiften können.
Zugleich sollen auch gegenläufige Emanzipationsprozesse von dieser Monarchie auf musikalischer Ebene begonnen haben. Diese These wirkt nicht fernliegend, wird jedoch nur wenig überzeugend ausgearbeitet. Der Autor zitiert einen propagandistischen Artikel aus der damaligen Zeit, wonach die Tonkunst alle Stände gleich mache, indem Adelige und Bürgerliche gemeinsam an einem Pult sitzen, um Beethovens kammermusikalischen Werke zu spielen. Diese Wunschvorstellung realisierte sich jedoch nur insoweit, als sich auf dem Land Gesangsvereine bildeten und in der Hauptstadt Wien für zahlungskräftige Zuhörer öffentliche Konzerte stattfanden, bei der erstmals die Musik im Mittelpunkt stand.
Mozarts Figaro wird als Beispiel für Sozialkritik in der Oper angeführt. Figaros freie Liebe stehe für Mozarts privat und beruflich verwirklichtes generelles Freiheitsstreben. Mozart habe gegen Klassentrennung ankomponiert, indem er auch Figuren aus der Unterschicht komplexe Melodien gab. In der „Einsamkeit“ in Schuberts Winterreise sieht der Autor einen Verweis auf die damals geltenden Versammlungsverbote und Überwachungsmaßnahmen. Das Kapitel zu Komponistinnen zeigt, dass eine Emanzipation auf diesem Gebiet wohl am wenigsten erwünscht war.
Die abschließende These, wonach die Monarchie zwar untergegangen sei, aber in der Musik weiterlebe, ist zumindest unglücklich formuliert. Zu vielfältig sind die zusammengetragenen Informationen, um die besprochenen Werke als Ausdruck vor allem der Monarchie oder auch nur des Umgangs damit zu verstehen, zumal der Autor selbst darauf hingewiesen hat, dass bei Werken klassisch gewordener Komponisten ihre Zeitlosigkeit im Vordergrund steht. Es ließe sich ja auch schlecht sagen, im Jazz lebe die Sklaverei weiter.


