Konzertorte neu gedacht am Beispiel eines außergewöhnlichen Orchesterprojekts der Musik- und Kunstschule Achern-Oberkirch
Konzertorte sind mehr als Gebäude mit guter Akustik. Sie sind Begegnungsräume, Lernorte und soziale Bühnen. Wie neu und lebendig das gedacht werden kann, zeigt ein Orchesterprojekt aus der Ortenau, das seit Jahren erfolgreich klassische Konzertformate hinterfragt – und neu belebt.
Ein Konzert entsteht aus Kooperation
Was dieses Projekt besonders macht, ist nicht allein das musikalische Niveau, sondern die Struktur dahinter. Die Musik- und Kunstschule Achern/Oberkirch kooperiert jährlich mit drei regionalen Gymnasien: der Heimschule Lender in Sasbach, dem Gymnasium Achern und dem Hans-Furler-Gymnasium in Oberkirch. Gemeinsam stemmen sie etwas, das für jede einzelne Institution allein kaum möglich wäre: ein großes Sinfonieorchesterprojekt mit Orchesterfahrt und anschließenden Konzerten.
Diese Zusammenarbeit schafft mehr als nur organisatorische Synergien. Sie überwindet schulische Grenzen, verhindert Rivalitäten und lässt ein regionales Netzwerk entstehen, das weit über das eigentliche Projekt hinaus wirkt. Der Konzertort wird so zum Ergebnis eines gemeinsamen Prozesses – getragen von vier Bildungseinrichtungen, die an einem Strang ziehen.
Probenräume, Herbergen, Bühnen – der Weg ist Teil des Ortes
Der Konzertsaal ist nur der sichtbare Endpunkt. Der eigentliche Veranstaltungsort entsteht bereits Wochen zuvor: bei einem Probenwochenende in der Musikschule Oberkirch und während einer viertägigen Orchesterfreizeit, bei der beide Orchester intensiv zusammenarbeiten. In diesem Jahr waren 86 Musikerinnen und Musiker sowie 12 Begleitpersonen beteiligt.
Diese konzentrierten Arbeitsphasen ermöglichen auch Schülerinnen und Schülern mit engem Zeitplan – etwa durch das G8-Modell – die Teilnahme an einem anspruchsvollen musikalischen Projekt. Der Konzertort wird damit nicht als festes Gebäude verstanden, sondern als temporärer Raum, der dort entsteht, wo gemeinsames Arbeiten, Lernen und Musizieren stattfindet.
Junge Dirigenten, neue Perspektiven
Ein weiterer Baustein dieses besonderen Konzepts ist die Zusammenarbeit mit der Dirigierklasse der Hochschule für Musik in Weimar. Für das Sinfonieorchester steht regelmäßig ein junger Dirigent oder eine junge Dirigentin aus einer der renommiertesten Dirigierklassen Deutschlands am Pult.
Der Altersabstand zu den Jugendlichen ist gering, die Kommunikation direkt, die Atmosphäre offen. Für die Schülerinnen und Schüler bedeutet das: Arbeit auf höchstem Niveau, ohne Schwellenangst. Für die Dirigierenden wiederum ist es eine wertvolle Gelegenheit, mit einem großen Sinfonieorchester zu experimentieren und künstlerische Erfahrungen zu sammeln. Auch hier wird der Konzertort neu gedacht – als Lernraum auf beiden Seiten des Dirigentenpults.
Bühne frei für junge Solistinnen und Solisten
Jedes Jahr erhält zudem eine junge Solistin oder ein junger Solist aus der Musik- und Kunstschule Achern/Oberkirch die Möglichkeit, mit dem Orchester aufzutreten. 2024 war dies die Flötistin Lia Sester aus der studienvorbereitenden Ausbildung, die Carl Reineckes Ballade präsentierte.
Der Konzertort wird damit zur echten Chance: Nachwuchsmusikerinnen und -musiker erleben den großen Auftritt nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil ihres musikalischen Weges.
Klassik trifft Filmmusik – Programmgestaltung mit Weitblick
Auch das Programm folgt dem Gedanken des „neu Denkens“. Das Sinfonieorchester stellte mit Schumanns Ouvertüre zu Szenen aus Goethes Faust und Griegs Symphonischen Tänzen anspruchsvolle Werke der Romantik vor. Gleichzeitig öffnete Filmmusik – etwa aus Titanic von James Horner – neue Zugänge für Publikum und junge Musiker gleichermaßen.
Diese Verbindung aus kulturellem Erbe und populären Klangwelten macht den Konzertabend zum Erlebnis für unterschiedliche Generationen und Hörgewohnheiten. Der Konzertsaal wird so zum Ort der Vermittlung, nicht der Abschottung.
Nachwuchs im Fokus: Das Junge Streichorchester
Ergänzt wird das Projekt durch ein Junges Streichorchester, das ein eigenes Programm erarbeitet. Unter der Leitung einer Lehrkraft aus den beteiligten Schulen sammeln jüngere Musikerinnen und Musiker erste intensive Orchestererfahrungen. Werke von Offenbach, Robert Longfield oder Filmmusik aus La La Land sorgen für Motivation und Identifikation.
In den Probenpausen lauschen die Jüngeren dem Sinfonieorchester – und entwickeln ganz nebenbei den Wunsch, selbst eines Tages dort mitzuspielen. Der Konzertort wird zum Ziel, das man erreichen möchte.
Mehrere Generationen auf einer Bühne
Eine weitere Besonderheit: Im Orchester musizieren nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch erwachsene Musikschülerinnen und -schüler sowie Eltern. Dieses generationenübergreifende Musizieren verleiht den Konzerten eine besondere soziale Tiefe. Der Konzertsaal wird zum Ort, an dem Altersgrenzen verschwimmen und gemeinsames Erleben im Vordergrund steht.
Fazit: Der Konzertort als lebendiger Prozess
Dieses Orchesterprojekt zeigt eindrucksvoll, wie Konzertorte neu gedacht werden können: nicht als statische Räume, sondern als Ergebnis von Kooperation, Bildung, Begegnung und gemeinsamer Leidenschaft. Der eigentliche Veranstaltungsort entsteht dort, wo Menschen sich auf Musik einlassen – unabhängig von Alter, Schule oder Erfahrung.
So wird aus einem Konzertabend mehr als ein kulturelles Ereignis: Er wird zum Ausdruck einer lebendigen musikalischen Gemeinschaft.
Kontakt: Nico Zipp, musikschule-achern@achern.de

