Leider kann man aufgrund der Anlage der Studie keine Schlüsse auf einzelne Bundesländer ziehen. Aus diesem Grund, und weil viele Bereiche des Amateurmusiklebens noch unbeleuchtet blieben, beschloss der Landesmusikrat Berlin eine eigene Umfrage unter seinen Mitgliedern zu verteilen, um die Berliner Szene besser abbilden zu können. Insgesamt nahmen 160 vokale und instrumentale Amateurmusikensembles an der Online-Befragung teil. Für die wichtigsten Umfrageergebnisse, die hier kurz präsentiert werden sollen, gilt folgende Einschränkung: Aufgrund begrenzter Reichweite des Landesmusikrats und den von ihm überhaupt nur erreichbaren Zielgruppen sind sie nur bedingt aussagekräftig für kleinere, weniger organisierte Gruppen wie beispielsweise Bands oder freie Amateurmusikensembles.
1. Strukturelle Merkmale der Ensembles
Hinsichtlich Art der befragten Ensembles zeigt sich eine nahezu perfekte 50/50-Teilung zwischen vokalen und instrumentalen Ensembles mit einer kleinen Extragruppe an vokal/instrumental gemischten Gruppen.
Außerdem weisen die Ensembles eine große Bandbreite hinsichtlich ihrer Größe auf: Der größte Anteil der Ensembles (38 %) besteht aus 13 bis 30 Mitgliedern. Jeweils etwas mehr als 20 % machen Ensembles mit bis zu 50 Mitgliedern und Ensembles mit mehr als 50 Mitgliedern in unserer Umfrage aus.
Kleinere Ensembles mit einer bis fünf Personen und Ensembles mit sechs bis zwölf Personen machen jeweils etwa 10 % aus.
2. Publikum, Konzerte und Reichweite
Die Umfrageergebnisse verdeutlichen die hohe kulturelle Reichweite der Amateurmusik. Durchschnittlich erreichen die befragten Ensembles rund 260 Personen pro Konzert – und das bei durchschnittlich sechs Konzerten oder Auftritten pro Jahr. Das typische Ensemble bringt sein Publikum selber mit: Freunde, Familie und Verwandte.
Das ist auch dadurch zu erklären, dass Mund-zu-Mund-Propaganda das mit Abstand wichtigste Marketinginstrument (83 %) der Ensembles ist. Drei Viertel der Ensembles verfügen über eine eigene Website, während etwa zwei Drittel Social Media nutzen. Printmedien spielen bei der Konzertwerbung ebenfalls eine relevante Rolle.
Auffällig ist hingegen die geringe Nutzung professioneller oder externer Marketinginstrumente: Pressearbeit, Newsletter, bezahlte Marketingunternehmen sowie die Nutzung von Veranstaltungs- oder Kulturkalendern – sowohl kostenpflichtig als auch kostenfrei – spielen kaum eine Rolle. Dies deutet auf begrenzte zeitliche, personelle oder finanzielle Ressourcen für Öffentlichkeitsarbeit hin.
Bei Social Media beschränkt sich die Präsenz weitgehend auf etablierte Plattformen: 59 % der Ensembles nutzen Facebook, 52 % Instagram. Andere soziale Netzwerke werden kaum eingesetzt, was auf eine eher fokussierte, aber auch eingeschränkte digitale Sichtbarkeit schließen lässt.
3. Finanzierungsstrukturen und Einnahmen
Die finanzielle Basis der Ensembles ist stark von Eigenleistungen geprägt. Mit 38 % stellen Mitgliedsbeiträge die wichtigste Einnahmequelle dar, gefolgt von Konzerteinnahmen. Spenden und Gagen spielen eine ergänzende Rolle, während Projektförderungen mit 7 % einen vergleichsweise geringen Anteil an den Gesamteinnahmen ausmachen.
Die durchschnittliche Höhe der Mitgliedsbeiträge variiert deutlich je nach Genre. Während Sinfonieorchester im Schnitt 13 Euro pro Monat erheben und auch Akkordeon- oder Jazzensembles unter 20 Euro liegen, sind die Beiträge in anderen Sparten deutlich höher. Besonders hohe Werte zeigen sich laut Umfrage bei Percussion-Ensembles sowie bei Saxophonensembles, was aber auch auf die geringe Zahl der Umfrageteilnehmenden aus diesen Sparten zurückzuführen sein kann. Durchschnittlich zahlen Amateurmusiker:innen etwas mehr als 20 Euro im Monat für ihr Ensemble.
4. Ausgaben und Vergütung der musikalischen Leitung
Auf der Ausgabenseite stellt die musikalische Leitung mit 33 % den größten Kostenfaktor dar. Die durchschnittliche Vergütung liegt bei rund 51 Euro pro Stunde für reguläre Proben, 41 Euro pro Stunde an Probenwochenenden und 78 Euro pro Stunde bei Konzerten. Diese Zahlen verdeutlichen die zentrale Rolle der musikalischen Leitung für die Ensemblearbeit und zugleich die finanzielle Belastung, die mit einer angemessenen Honorierung verbunden ist.
Weitere relevante Ausgabenfelder sind die Miete von Konzertsälen (14 %), künstlerisches Personal (14 %) sowie Probenräume (12 %). Hinzu kommen Kosten für Notenlizenzen (10 %) und sonstige Ausgaben wie bspw. Instrumente, Martketing oder Organisationspersonal. Insgesamt zeigt sich eine Kostenstruktur, die wenig Spielraum für zusätzliche Belastungen lässt.
5. Zentrale Problemfelder der Ensembles
Die häufigsten Probleme, die von den Ensembles genannt wurden, betreffen den Nachwuchs und die Altersstruktur (20 %). Eng damit verbunden sind Herausforderungen in der Mitgliedergewinnung und eine zunehmende Fluktuation. Raumprobleme, insbesondere die Suche nach geeigneten und bezahlbaren Probenräumen, stellen mit 16 % ein weiteres zentrales Problem dar.
Finanzielle Herausforderungen und fehlender Zugang zu Fördermitteln wurden von 14 % der Ensembles als wesentliches Problem benannt. Weitere Belastungen bestehen bei der Organisation von Konzerten, Fragen der musikalischen Qualität und Besetzung, dem Zeitmanagement sowie der hohen Abhängigkeit von ehrenamtlichem Engagement. Marketing und Außenwirkung spielen ebenfalls eine Rolle, werden jedoch seltener als vorrangiges Problem genannt.
6. Fazit
Die Umfrage zeigt eine engagierte und wirkungsstarke Amateurmusikszene, die aber vor strukturellen Herausforderungen steht. Besonders deutlich werden Problemlagen in den Bereichen Nachwuchsgewinnung, Raumverfügbarkeit und Finanzierung. Die starke Abhängigkeit von Mitgliedsbeiträgen und ehrenamtlichem Engagement bei gleichzeitig hohen Ausgaben – insbesondere für die musikalische Leitung – schränkt die Handlungsspielräume vieler Ensembles ein. Der Landesmusikrat Berlin e.V. setzt genau bei diesen Problemen an: Mit einem Förderprogramm für Honorare musikalischer Leitungen und einer Raumkoordinationsstelle geht er zwei zentrale Problemfelder direkt an. Mit etlichen Online-Angeboten zur Vernetzung von Ensembles und Musiker:innen in Berlin sollen auch die „Nachwuchs“-Sorgen gelindert werden. Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse den Bedarf an stabilen Rahmenbedingungen und unterstützenden Strukturen, um die vielfältige Amateurmusik langfristig zu sichern. Und das mehr denn je: Eine jüngst veröffentlichte Studie des Instituts für kulturelle Teilhabeforschung zeigt, dass in Berlin fast doppelt so viele Menschen in ihrer Freizeit musizieren als die miz-Studie es 2025 für den Bundesdurchschnitt errechnet hat, nämlich 38 % – Berlin ist Amateurmusik-Hauptstadt Deutschlands! Es wird Zeit, dass die Amateurmusik als wichtigste zivilgesellschaftliche Gruppe nach dem Freizeitsport endlich die Anerkennung und Förderung erhält, die sie verdient.





