3. Weiterer „Kleinkram“, denn der Teufel steckt bekanntlich im Detail…
3.1. Los geht’s…
Hoffentlich sind alle pünktlich. „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige!“1 – muss dazu noch mehr gesagt werden? Aber noch mehr zu hoffen ist, dass auch tatsächlich alle kommen, denn andernfalls… muss schnellstens Ersatzliteratur herbeigeschafft werden, also Kammermusik „minus one“. Dieses Problem ist nicht neu, und so haben schon andere gute Vorschläge für solche „Notfälle“ gesammelt – siehe Literaturhinweise am Ende des 4. Teils, 1. Liste: „Was können wir aufs Pult legen?“
Was bitte nicht vergessen werden sollte, auch nicht im Eifer der eigenen Begeisterung, sind Verschnaufpausen: Kurz lüften, etwas trinken, sich die Beine vertreten, frische Luft schnappen, ein Schwätzchen halten. Denn ein bisschen Geselligkeit zwischendurch – neudeutsch: „socialising“ – tut gut und dient ja auch der Gemeinschaftsbildung.
Stimmen… muss man. Am besten nacheinander, während ansonsten Ruhe herrscht. By the way: Auch Blasinstrumente lassen sich ohne Vibrato spielen – sehr zu empfehlen, gerade beim Stimmen. Da die Instrumente bei steigender Temperatur2 ihre Stimmhöhe unterschiedlich ändern (Blasinstrumente nach oben, Streichinstrumente nach unten), sollte eigentlich niemand etwas dagegen haben, nach etwa zehn Minuten noch einmal nachzustimmen.
3.2. Endlich geht’s wirklich los
Sind alle Notenseiten richtig aufgeblättert? Oder, deutlicher: Ist klar, wo es nach der ersten Seite weitergeht?
Dann riskiere man einen Blick in die linke obere Ecke und mache sich klar, was da alles steht: Taktart, Tonart, Tempo- oder Satzbezeichnung. Ich bin dazu übergegangen, das einfach laut zu lesen, so dass alle es mitkriegen (müssen), etwa: „zwei Kreuze, alla breve, Allegro moderato.“ Sofort wird die Frage auftauchen: „Zählen wir auf zwei oder auf vier?“
Auch schaue man, ob es Wiederholungen geben wird und vor allem, ob ein „da capo“, womöglich „dal segno“, verlangt wird, und wo dieses „segno“ sich versteckt. Salonmusik-Noten stellen in dieser Hinsicht eine echte Herausforderung dar, und trotz exakt hinweisend-warnender Ansagen, wann wohin zurück- und später auch wieder vorzuspringen ist, geht irgendwer eigentlich immer irgendwo verloren… Fortgeschrittene Kammermusici merken sich die Stelle, wenn sie an einem Wiederholungszeichen vorbeikommen und wissen dann später, wohin sie zurückspringen müssen, um zu wiederholen. Meistens muss man aber ein bisschen warten, bis alle die Stelle für den Sprung zurück gefunden haben.
Können wir starten? Mit einem kurzen Blick in die Runde vergewissere man sich, ob alle startklar und bereit sind, gemeinsam einzuatmen und loszulegen. Ob es ausreicht, das gewünschte Tempo mit einer entsprechenden Körperbewegung zu signalisieren, wird sich erweisen. Wer sicher gehen will, zähle einen Takt vor (oder zwei).
Und: für die Auswahl der aufgelegten Stücke empfiehlt es sich, als erstes ein Stück aufs Pult zu legen, das in seiner Struktur überschaubar und in seinen rhythmischen Anforderungen gut „machbar“ ist. So können alle sich erst einmal warmspielen, ohne dass gleich nach wenigen Takten abgebrochen werden muss, weil sich jemand verheddert hat…
3.3. Unterwegs
Taktieren… Irgendjemand klopft eigentlich immer mit dem Fuß, oder? Das ist gar nicht so leicht abzustellen, denn es scheint Sicherheit zu geben. Aber vielleicht kann das „Klopfen“ ganz leise erfolgen? Oder sogar nur mit der Großzehe im Schuh, so dass niemand es sieht und es folglich niemanden stören kann. Ermutigt euch, einfach mal ganztaktig (oder gar zweitaktig) zu zählen.
Taktieren mit der Hand: Wer gerade ein paar Takte Pause hat, versucht vielleicht, den anderen mit einer Hand „dirigierend“ zu helfen – aber Vorsicht, nicht alle empfinden solches Dirigat als hilfreich, viele fühlen sich eher gestört…
Schnaufen, und sei es im Takt, stört. Mehr muss dazu nicht gesagt werden, oder?
Rausfliegen… kann jedem passieren. Elegant wäre, dann das Instrument abzusetzen und eine Hand zu heben. Und da wir ja nicht nur in unsere Noten starren, sondern im Augenwinkel auch alle anderen wahrnehmen, werden wir die Unterbrechung schnell bemerken. Nicht ganz so elegant: Ich fange an zu sprechen. Es gelte: Sowie jemand spricht, sollte das ein Signal für alle sein, abzubrechen. Gewiefte (routinierte?) Kammermusici merken sich die Stelle, wo – aus welchem Grund auch immer – gerade abgebrochen wurde, so dass wir – selbst bei Noten ohne Taktzahlen – wissen, wo wir wieder einsteigen können. Aber ob wirklich alle so geistesgegenwärtig sind?
Ganz blöd ist übrigens, wenn jemand abbricht und sagt: „Das war die Stelle, wo wir sonst immer rausgeflogen sind“…
Gesetzt den Fall, die Noten haben keine Taktzahlen aber „Ziffern“. Soll dann bspw. im 13. Takt nach Buchstabe D wieder eingesetzt werden, dann sage man das bitte genau andersherum an, nämlich: „Wir starten nach Buchstabe D im Takt … Moment: 1, 2, 3, …“ (alle zählen ab Buchstabe D parallel leise! mit) „… im Takt 13“. Also: erst der Buchstabe, dann die Zahl!
Einschub aus den »17 sachdienlichen Hinweisen1, gefunden im weltweiten Internet«:
„9. Bist du hoffnungslos raus, unterbrich das Spiel mit der Bemerkung Ich denke, wir sollten mal nachstimmen.“
(Fortsetzung siehe: Die Gerechtigkeitswiederholung, 4. Teil)
1) Siehe: https://www.concentus-alius.de/orchester/orchesterordnung/orchesterregeln



