4. Schlusskapitel … mit Literaturhinweisen
4.1. Gut zu wissen
calando von ital. calare = fallen lassen, sinken, bedeutet laut Fachwörterbuch der Musik1 „nachlassend an Tonstärke und Tempo, ruhiger werdend“. Ob neben der Dynamik auch das Tempo nachlassen soll, muss wohl aus dem musikalischen Kontext erfasst (erfühlt) werden. Bei Mozart sei lediglich „leiser werdend“ gemeint…2
cresc. bedeute p! Das ist natürlich plakativ, aber es soll heißen: Fang leise an, damit eine Steigerung überhaupt möglich ist.
Fermaten: Vor einer Fermate lege man (jedenfalls meistens) ein dezentes ritardando ein.
Menuette stehen im 3/4-Takt, sind i. Allg. aber zweitaktig zu nehmen. Wer die Gelegenheit bekommt, lerne ein höfisches Menuett zu tanzen: Die Schrittfolge erstreckt sich über zwei 3/4-Takte.
1) Gerigk, Fachwörterbuch der Musik, Keysersche Verlagsbuchhandlung München; S. 40
2) Badura-Skoda, Mozart-Interpretation 1957, S. 35 und Fußnote S. 53: Es sei aber nochmals darauf hingewiesen, daß das Wort „Calando“ bei Mozart für gewöhnlich nur „leiser werdend“ und nicht auch „langsamer werdend“ bedeutet.
Ein Wiederholungszeichen bedeutet weder, dass man anhält und fragt „Sollen wir wiederholen?“, noch, dass ein erlahmendes ritardando allen Musizierschwung ausbremst, sondern: dass wiederholt wird! Zumal jede Wiederholung doch eine zweite Chance bietet, alles (noch) besser zu machen.
Im Allgemeinen ist für den ersten Teil eines Satzes eine Wiederholung vorgeschrieben, und selbstverständlich beachten wir das. Am Ende des zweiten Teils steht womöglich aber kein Wiederholungszeichen… Dann verabreden wir oft, den zweiten Teil ebenfalls zu wiederholen, damit er (in unserem Übeprozess) nicht zu kurz kommt. Diese Wiederholung heißt bei uns „Gerechtigkeitswiederholung“.
4.2. Durchkommen
Habe ich irgendwo gleichzeitig mit einer anderen Stimme einzusetzen (quasi ein punktuelles rhythmisches Unisono), so zeichne ich mir als Erinnerungs- und Aufmerksamkeitshilfe über die Stelle eine kleine Raute. Sie fordert mich künftig auf, nicht nur präzis zusammenzuspielen, sondern vielleicht ja auch, freundlich hinüberzuschauen?
Wer lange Pausen hat, muss viel zählen. Und kann währenddessen den anderen Stimmen lauschen und bemerken, dass es musikalische Phrasen gibt mit gewissen Zäsuren… Dementsprechend unterteile ich meine langen Pausen und notiere mir neben der Pausenzahl, die ich dann durchstreiche, die Phrasenlängen – also bspw. statt 15 steht dann da: 8 + 4 + 3.
Oft erkennt man aus dem Fluss der Musik ganz gut, wann man nach einer Pause wieder einzusetzen hat. Aber es gibt überraschende, unerwartete Einsätze. In dem Fall umkringele ich die Pausenzahl, was mir signalisiert: Hier musst du aufpassen, am besten genau zählen!
Nach dem Umblättern frage ich mich manchmal: Wieviele Takte muss ich jetzt warten, bis es für mich weitergeht? Deshalb notiere ich mir die Zahl der auf der Vorseite verbliebenen (und nun abzuwartenden) Pausentakte in der linke oberen Seitenecke. Kommen die Pausentakte aber nach dem Blättern, schreibe ich ein „P“ in die untere rechte Ecke – als Hinweis, dass ich, weil Pausentakte folgen werden, in Ruhe umblättern kann. (Dort die Zahl der auf der nächsten Seite folgenden Pausentakte hinzuschreiben, hab ich mir wieder abgewöhnt, denn das hat wiederholt zu Verwirrung geführt – wenn ich dann nämlich diese Takte zu denen, die ich nach dem Umblättern vorfinde, irrtümlicherweise hinzugezählt habe.)
Hat eine Stimme durchlaufend kurze Noten zu spielen, sollten die anderen sich mit ihren längeren Notenwerten – damit alles fein beieinander bleibt – in diese durchlaufende Stimme „einhakeln„.1 Natürlich soll das Grundmetrum bestehen bleiben, aber wenn’s nun mal zu schnell ist für die Stimme mit den kürzesten Notenwerten, geben die anderen halt ein wenig nach – und alles bleibt bestens im Fluss…
Geübt wird zuhause, bitte nicht zwischen den Stücken – da sei den Ohren (und den Nerven) Ruhe gegönnt!
Schwierige Stellen… müssen geübt werden, individuell, zuhause. Vielleicht auch gemeinsam, langsam. Aber wenn eine Stelle nun gar nicht gelingen will – darf ich sie mir vereinfachen? Ja, warum eigentlich nicht?
Manchmal will man sich gegenseitig helfen, indem man den anderen eine Stelle vorsingt. Das ist lieb (und kann wirklich helfen!), aber bitte: Vorher ansagen, wo, in welchem Takt, das Vorsingen startet. Denn dann kann ich die Hilfestellung nicht nur hörend, sondern auch mitlesend nachvollziehen und viel besser verstehen.
4.3. Zum Schluss
Wie gestalten wir Schlüsse? Eine Unsitte: Der Schlusston bekommt – nach einem mächtigen ritardando – kräftig Nachdruck und wird auch noch deutlich verlängert. Aber man schaue doch bitte auf die Struktur des letzten Takts bzw. manchmal auch der letzten zwei oder gar vier Takte: Oftmals liegt der musikalische Schwerpunkt ganz ordentlich auf der Eins des Schlusstaktes, und die weiteren Noten (einschließlich der Schlussnote) sind nur wie leichter werdende Nachklänge zu spielen.2
Endet ein Stück mit einem leeren Takt, sollte der bitte auch beachtet werden. Gönnen wir der Musik, noch nachzuklingen, wenigstens einen Takt lang …
1) Beispiel: Mozart, Klavierquartett KV 478, III. Satz Rondeau, Takte 111 bis 119 oder 161 bis 169
2) Ein Beispiel, wo der Schluss vielleicht sogar schon auf dem vorletzten Takt erreicht ist: Mozart, Quintett KV 614, III. Satz Menuett
Literaturhinweise
Anregungen für Kammermusik-Literatur,
also mögliche Antworten auf die Frage „Was können wir aufs Pult legen?“
- Altmann, Wilhelm, Handbuch für Klaviertriospieler, Verlag für musikalische Kultur und Wissenschaft 1934 – Wegweiser durch die Trios für Klavier, Violine und Violoncell
- Altmann, Wilhelm, Kammermusik-Katalog, Karl Merseburger 1931 – Ein Verzeichnis von seit 1841 veröffentlichten Kammermusikwerken
- Altmann, Wilhelm, Kleiner Führer durch die Streichquartette für Haus und Schule, Deutscher Musik-Literaturverlag 1950
- Funk, Vera, Klavierkammermusik mit Bläsern und Streichern in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, Bärenreiter 1995
- Heimeran, Ernst & Aulich, Bruno, Das stillvergnügte Streichquartett, Heimeran Verlag 1956 / Bärenreiter 1987 sowie: Aulich & Heimeran, Coda zum stillvergnügten Streich-Quartett, Heimeran Verlag 1959/60
- Lemacher, Heinrich, Handbuch der Hausmusik, Verlag Anton Pustet, Graz – Salzburg – Wien 1948
- Lemacher, Schmidt, Almanach der Hausmusik, Musikverlag Hans Gerig, Köln 1958
- Mersmann, Hans, Die Kammermusik Bd. I bis IV, Breitkopf & Härtel 1933
- Saam, Joseph, Zur Geschichte des Klavierquartetts bis in die Romantik, Valentin Koerner 1977
- Schmieder, Hans-Heinrich, Das wohltemperierte Klaviertrio, Atlantis 1984 – Ein Leitfaden für Freunde der Hausmusik mit Klavier
- Schmieder, Hans-Heinrich, Wohltemperierte Hausmusik, Atlantis 1996 – Neuentdeckungen für Freunde der Kammermusik mit Klavier und Generalregister von Duo bis Nonett
- Werner-Jensen, Arnold (Hrsg.), Reclams Kammermusikführer, Reclam 1990
Betrachtungen übers häusliche Kammermusizieren und Anregungen dazu:
- Aulich, Bruno, Alte Musik für Hausmusikanten, Heimeran Verlag 1968 – Aufführungspraxis
- Aulich, Bruno, Alte Musik recht verstanden – richtig gespielt, Heimeran Verlag 1957 – Aufführungspraxis
- Blum, David, Die Kunst des Quartettspiels, Bärenreiter 1988
- Bowen, Catherine D., Friends and Fiddlers, Dent & Sons, London 1936 – Chamber Music
- Fauth, Stéphane, Musizieren im Streichquartett, ACMP – Wege zu einem vertieften Zusammenspiel
- Ganzer, Kusche, Vierhändig, Heimeran Verlag 1954
- Mingotti, Antonio, Singe, wem Gesang gegeben, Heimeran Verlag 1955
- Schmitz, Hans-Peter, Singen und Spielen, Versuch einer allgemeinen Musizierkunde, Bärenreiter 1958
- Valentin, Erich, Musica domestica, Hohner Verlag 1959 – Von Geschichte und Wesen der Hausmusik
- Spranger, Eduard, Rede über die Hausmusik, Bärenreiter 1955
Weiteres:
- Rowley, Alec, Do’s and Don’ts for Musicians, Ashdown – A Handbook for Teachers and Performers
- Schrammek, Bernhard, Die Musikwelt der Klassik, Bärenreiter 2011
- Taylor, Der wohltemperierte Zuhörer, Heimeran Verlag 1948 – Nützliche und ergötzliche Hinweise insbesondere für Hörer von Orchesterwerken auch am Radio
Finis. Es sei denn, es geht weiter, weil eure Kritik, Ergänzungsvorschläge, Korrekturen oder euer Applaus mich erreichen und animieren … bitte an: knoch@bdlo.de


