Heute kann Ihr Verband auf eine bewegte, teils steinige und doch erfolgreiche Geschichte zurückblicken, die naturgemäß nicht immer geradlinig verlaufen ist. Nicht nur die verheerenden Jahre der NS-Zeit, sondern auch die darauffolgende deutsche Teilung und damit auch die Teilung Ihres Verbandes hat Sie und Ihre Arbeit, wie die vieler einst gesamtdeutscher Verbände, geprägt und beeinflusst. Umso beachtenswerter ist es, dass wir 2024 auch den 100-jährigen Zusammenhalt Ihres Verbandes feiern können.
Keiner der großen Stars der klassischen Musik ist als Profi auf die Welt gekommen und niemand hat seine Karriere als solcher begonnen. Wir alle, die wir musizieren, haben als Lernende begonnen und uns dann – im besten Falle – zu einem Liebhaber / einer Liebhaberin entwickelt. Aber der Begriff des »Liebhabers« oder mehr noch der des »Dilettanten« kann heute kaum noch neutral verwendet werden, zumindest der »Dilettant« hat im modernen Sprachgebrauch eine deutlich negative Konnotation angenommen. Das war nicht immer so. Zu Beethovens Zeiten gab es »tüchtige und fleißige Dilettantenorchester«, Berufsorchester entstanden erst nach und nach. Professionell ausgebildete Musiker waren bis dahin in der Regel den Adelshäusern und deren höfischen Gesellschaften vorbehalten. Die Abwertung der »Dilettanten« dürfte mit der Gründung von Berufsorchestern – in Abgrenzung der Professionellen von den Liebhabern – ihren Ausgang genommen haben. Dabei waren – gerade in der Anfangszeit der Berufsorchester, um überhaupt die gewünschte Orchestergröße zu erreichen – die Profis sogar auf die verstärkende Unterstützung seitens der Laien angewiesen. Heute ist uns diese Unterscheidung in professionelle und nicht-professionelle Musikausübende ganz geläufig geworden. Aus der Tatsache, dass wir diese Unterscheidung jetzt ganz selbstverständlich akzeptieren, lässt sich eine wichtige und weltweit gültige Formel ableiten: Wir Nicht-Professionellen, seien wir nun – in alphabetischer(!) Reihenfolge – Amateure, Dilettanten, Laien oder Liebhaber müssen mit Musik nicht unser Geld verdienen und unseren Lebensunterhalt bestreiten, um sie mit Leidenschaft auszuüben und einer ihrer glühendsten Liebhaber zu sein!
Der BDLO mit seinen Mitgliedsorchestern übt darüber hinaus eine weitere, oftmals unterschätze Funktion aus, die mir und dem Verlag naturgemäß besonders wichtig ist: Sie sind die Wiege unseres musikalischen Nachwuchses. Kaum ein heute in einem Profiorchester beschäftigter Musiker oder Musikerin hätte ein Probespiel gewonnen, wenn er oder sie nicht vorher entsprechende Erfahrung in einem »Liebhaberorchester« hätte sammeln können. Mehr noch: Es ist von unschätzbarem Wert für junge Dirigentinnen und Dirigenten, die ersten Gehversuche, das erste Scheitern und den ersten Erfolg vor einem »echten« Orchester erleben und mit bekannten oder weniger bekannten Werken unseres überlieferten musikalischen Kanons in Berührung kommen zu können und nicht nur im Dirigierunterricht vor zwei Klavieren. Auch für all diese Plackerei, das stundenlange Üben, aber auch die Träume und Karrieren, steht Ihr Verband mit seinen Orchestern.
Der Verlag Breitkopf & Härtel, der älteste aller Musikverlage, begleitet Sie – wenn auch indirekt – seit dem Tag Ihrer Gründung. Über den heute größten lieferbaren Orchesternoten-Katalog wird wohl jedes Ihrer Mitgliedsorchester schon einmal mit uns in Berührung gekommen sein. Umso mehr ist es mir eine Freude und persönliches Anliegen, Sie mit dem Verlag Breitkopf & Härtel auch in Ihrem Jubiläumsjahr zu begleiten.
Der gesamte Verlag und selbstverständlich auch ich persönlich gratulieren Ihnen herzlichst zu Ihrem 100. Geburtstag, und ich hoffe, dass wir noch einen langen, gemeinsamen musikalischen Weg vor uns haben.

