Raphaela Gromes und Susanne Wosnitzka: Fortissima! Verdrängte Komponistinnen und wie sie meinen Blick auf die Welt verändern
In Kürze, gleich zu Beginn: Dieses Buch ist unfassbar lesenswert.
Eine Cellistin von den Bühnen dieser Welt und eine Musikwissenschaftlerin vom Frankfurter Archiv Frau und Musik haben sich zusammengetan, um einen Schatz zu bergen, der unsere Musikkultur vervollständigt. Auf leicht zugängliche und höchst informative Weise präsentieren sie den Werdegang von Komponistinnen und den Charakter ihrer Werke. Die beiden Autorinnen stellen zahlreiche Werke von Komponistinnen aus verschiedenen Epochen und Weltgegenden ansprechend vor – nämlich wissenschaftlich fundiert und zugleich persönlich und bildreich. Das Buch ist so gut lesbar und von so bereichernder Informationsdichte, dass klar wird: Hier beherrscht jemand sein Thema souverän.
Der Hintergrund: Diskriminierung von Künstlerinnen
Das Autoren-Duo belegt mit namentlichen Beispielen aus der Weltgeschichte, dass es durchaus Epochen gab, in denen Frauen öffentlich außergewöhnliche Leistungen im Bereich von Kultur und Wissenschaft erbringen „durften“. Noch Jesus hatte große Achtung vor seinen Jüngerinnen (!), was sich herausfinden lässt, wenn man beachtet, dass es nicht vier, sondern über 80 Evangelien gibt. Doch jahrhundertelang wurden Frauen missachtet. Als Komponistinnen durften sie nicht studieren und wurden von ihren Familien verstoßen. Die Diskriminierung, die komponierende Frauen bis heute erleben, machen die Autorinnen anhand konkreter Beispiele für krasse Anfeindungen schmerzhaft anschaulich. So wurde etwa M. Capuis‘ Werk unter Gebrüll vom Spielplan gestrichen, als herauskam, dass das „M.“ für den Frauennamen Matilde steht. Das macht bewusst, wie schwierig es Frauen hatten und haben, den Pioniergeist und das Selbstbewusstsein aufzubringen, entgegen eingeübter misogyner Stereotype und daraus folgender Selbstzweifel wieder in die erste, bislang von Männern dominierte Reihe vorzurücken.
Die Details: vielfältige Künstlerinnenpersönlichkeiten
Die Vielfalt der Geschichten hinter den Komponistinnen zeigt, dass es in diesem Buch nicht allein um die Notwendigkeit von Gleichberechtigung geht, sondern auch um die Würdigung der eigenständigen Entwicklung von Künstlerinnenpersönlichkeiten und deren politischer Bedeutung. So bringen die Autorinnen Erfolgsgeschichten von Wunderkindern wie Marie Jaell auf den Punkt. Sie erzählen aber auch von Kämpfen wie denen von Amy Beach, deren Mutter ihr Talent geradezu bekämpfte, um nicht die Konvention zu verletzen, wonach Frauen nicht herausragen dürfen, schon gar nicht als Musikerinnen. Wir erfahren, dass die Opernkomponistin Ethel Smyth auch als kämpferische Sufragette aktiv war. Ein Werk von Florence Price wurde 1939 auf den Stufen des Lincoln Memorial vor Zehntausenden Unterstützern der Bürgerrechtsbewegung gesungen. Außerdem erhält man humorvolle und persönliche Einblicke in den Werdegang einer heutigen Spitzen-Musikerin.
Darüber hinaus erfahren die Leser Hintergrundwissen zum Komponieren, wie etwa Erkenntnisse aus der Hirnforschung, wonach der Kompositionsstil kaum vom Geschlecht, sondern wesentlich von persönlichen Erfahrungen geprägt wird. Bei erfolgreichen Komponisten wie Komponistinnen findet sich eine androgyne bzw. ausgewogene Verteilung männlicher und weiblicher Hormone. Diese Harmonie fördert nachweislich Phantasie und Kreativität.
Sämtliche Informationen sind mit Fußnoten belegt, in denen sich eine jahrelange Beschäftigung mit dem Thema Frauenmusik spiegelt. Abschließend fordern die Autorinnen dazu auf, Komponistinnen zu programmieren und Konzerte mit Werken von Frauen zahlreich zu besuchen, um die gesamte Bandbreite unserer Musikgeschichte zu erleben und wiederzubeleben.
Extras
Wer beim Lesen ein Smartphone zur Hand hat, kann die besprochenen Werke über einen QR-Code hören. Der umfangreiche Anhang mit noch weiterführenden Informationen zu Notenverlagen, Datenbanken und sogar zu fertigen Unterrichtsmaterialien ist für jeden sehr hilfreich, der auf dem Gebiet der Frauenmusik aktiv werden möchte.
Zielgruppe und Lesernutzen
Dieses Buch bietet bereichernde Inspiration für die Programmgestaltung jedes Orchesters und für die Erweiterung des persönlichen Repertoires. Es ist auch ein ideales Geschenk für jeden Anlass, weil seine erstaunlichen Informationen zum Nachdenken einladen. Ich habe unmittelbar nach der Lektüre das nächste Notengeschäft aufgesucht.


