Wilhelm Wegner war zeit seines Berufslebens evangelischer Pfarrer in verschiedenen Funktionen, darunter Umweltbeauftragter seiner Landeskirche. Von Kind auf musizierend (Violoncello) und in Chören singend, initiierte er 1997 die Bildung eines Kirchenorchesters, das er dann 25 Jahre lang organisatorisch leitete. Seine Erfahrungen schildert er hier:
Lobet den Herrn mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel (Psalm 98,5)
Kirchenchor, Posaunenchor, Flötenkreis – diese Assoziationen stellen sich ein, wenn Kirche und Musik ein begriffliches Paar bilden sollen, dazu Gemeindegesang, Kinderchor und Orgelkonzert. Aber ein Kirchenorchester? Natürlich kennen wir Messen, Kantaten und Oratorien, in der Regel von professionellen Instrumentalisten ausgeführt. Ensembles auf Dekanats(= Kirchenkreis-)ebene gibt es. Aber ein Amateurensemble mit symphonischem Anspruch? Ein solches Unterfangen ist nur denkbar, indem wir die begrenzte Kirchturmperspektive aufgeben und die größere Region in den Blick nehmen. Mit der Folge, dass es sich nicht um ein wöchentlich probendes, sondern um ein Projektorchester handeln kann. Festlegung von Konzerttermin und -ort, des Programms, von Probenterminen, des Besetzungsplans, die Ausschreibung für die Mitwirkenden – das wäre dann die logische Reihenfolge der Realisierung.
In Deutschland gibt es 20 sogenannte Landeskirchen, zugehörig der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zwölf Kirchenorchester dieser Art sind Mitglieder im BDLO. Katholischerseits ist mir nichts dergleichen bekannt.
Das Orchester der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, von dem hier beispielhaft berichtet werden soll, besteht seit 1998, hat also sein silbernes Bestandsjubiläum gerade hinter sich. Aufrufe und Bekanntmachungen über die kirchlichen Medien führten in die Gründungsphase, Verabredungen und Planungen wurden zwischen dem Initiator (das war ich) und dem landeskirchlichen Amt für Kirchenmusik getroffen und umgesetzt. Die Mitgliedschaft im BDLO lag nahe. Hauptmotiv dürfte die Notenbibliothek gewesen sein. Das konzertante Wandern durch die Region zwischen Bergstraße und Vogelsberg, Rheinhessen und Westerwald bietet mehrere Vorteile: Auch abseits der häufig bespielten Aufführungsorte können sich Chöre, Kantoren, Kirchengemeinden mal ein Konzert mit Orchester leisten. Die Spitzenorte der Kirchenmusik versehen sich – eher – mit Profimusikern. Wie immer ist das eine Frage der zur Verfügung stehenden Finanzmittel. Aber auch: der kommunikativen Vernetzung.
Suchet der Stadt bestes! (Jer. 29,7)
Für uns als Amateurorchester gilt: Veranstalter ist jeweils die örtliche Kirchengemeinde oder Institution, die auch für Öffentlichkeitsarbeit, finanzielle Absprachen und dergleichen engagiert sein muss. Aufgrund der Verabredungen mit Chören und Organisten kommt eine erfreuliche Vielfalt auch an Kompositionen zustande, die das Repertoire des Orchesters ausmachen. Messen von Vivaldi bis Jenkins, Meditatives von Albinoni bis Piazzolla, Orgelkonzerte von Händel bis Rheinberger standen auf dem Programm, dazu Solokonzerte jeglicher Art. Nicht zuletzt profitieren die Mitwirkenden von der geografischen Streuung des Konzertlebens. Von der – geräumigen – Dorfkirche bis zum – leichter zu heizenden – Gemeindezentrum oder Mehrzweckraum werden prägende Erfahrungen gemacht. Man kommt im Land der Heimatkunde herum. Und diese räumliche Diversität entspricht der Begründung der kirchlichen Unterstützung: musikalische Realisationen auch da zu ermöglichen, wo Konzerte eher selten stattfinden.
Suchet, so werdet ihr finden (Mt. 7,7)
Wie gewinnt das Orchester seine Mitglieder?
Durch Erleben (eines Konzertes) und persönliche Ansprache. Wer sich informieren möchte, sucht im Internet: Orchester der EKHN. Die Zugehörigkeit eines Spielers zu einer Konfession wurde noch niemals erfragt.
Ist es schwierig, Instrumentalisten zu gewinnen?
Musizierende Menschen gibt es viele. Die Kunst (des Managements) besteht darin, qualifizierte Mitspieler zu motivieren. In der Regel spielen unsere Mitglieder auch in anderen Orchestern. Ein wohlwollender und humorvoller Umgangston balanciert die Anstrengung zu musikalischer Leistung.
Wer macht die Arbeit vor und neben dem Dirigieren?
Es ist uns gelungen, ein Team zu bilden, das Planung und Organisation übernimmt. Entscheidungen werden gemeinsam gefällt, Zuständigkeiten für Notenbeschaffung, Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit etc. in Absprache verteilt.
Wer trägt finanziell die Arbeit des Orchesters?
Alle Mitwirkenden spielen – einschließlich Fahrtkosten – ohne Vergütung oder Entschädigung, mit Ausnahme der Dirigentin, die ein Honorar erhält. Ein Sockelbetrag von 1000 Euro pro Jahr wird hierfür kirchlicherseits zur Verfügung gestellt. Mehrbedarf wird durch Spenden und Kollekten (statt Eintrittsgeld) eingeworben. Finanzielles Ziel eines Projektes ist immer eine schwarze Null. Im Ausnahmefall kommt es vor, dass ein Ersatzinstrumentalist eine Bezahlung erhält; das geschieht sehr selten, da die Liste der potenziell Mitwirkenden bei über 100 Namen auch qualifizierte Bläser enthält. Ein großer Vorteil der kirchlichen Einbindung ist nicht zu unterschätzen: Eventuelle GEMA-Gebühren sind bundesweit durch einen Pauschalvertrag mit der EKD abgegolten.
Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben Einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. (Hebr. 13,2)
Ein besonders glücklicher Umstand für unser Orchester ist es, dass ein Ehepaar (Violine und Oboe) aus dem Orchester für die Proben kostenfrei seinen privaten Konzertraum zur Verfügung stellt. Als kleine Gegengabe bringt jeder Mitspieler ein Stück (Brenn-)Holz für den Kaminofen mit zur Probe.
Bilanzfrage: Also gibt es gar keine Probleme?
Doch, die gibt es. Aber sie sind lösbar. Melden sich beispielsweise zu einem Projekt mehr Spieler für eine Stimme, als gebraucht werden, muss für Verständnis geworben werden, dass nicht alle Willigen mitwirken können. Die Bereitschaft zum Kompromiss ist erforderlich.
Und dann ist da das Problem des Alterns: Gelegentlich merkt einer der Mitspieler nicht von selbst und nicht rechtzeitig, dass es Zeit ist, sich aus dem aktiven Dabeisein zu verabschieden. Da sind Anerkennung, Fingerspitzengefühl und Eindeutigkeit gefragt.

