Für uns sind Amateurorchester ein fester Bestandteil der deutschen Musiklandschaft. Die Wurzeln der ältesten Amateurorchester reichen in Deutschland inzwischen über 200 Jahre zurück. Aber, schaut man über die Grenzen Deutschlands hinaus, so zeigt sich sehr schnell, dass das, was für uns zur kulturellen Identität gehört, in anderen Ländern nicht gleichermaßen etabliert ist. So bestehen in der Breite und Fläche vergleichbare Strukturen an Amateurorchestern nur in wenigen Ländern. Obwohl in vielen Ländern zumindest Kinder- und Jugendorchester existieren, so fehlt es oft an Orchestern, in denen Amateure auch im weiteren Verlauf ihres Lebens gemeinsam musizieren. Zumindest im universitären Bereich bestehen in einigen Ländern studentisch geprägte Orchester.
Aus der internationalen Zusammenarbeit des BDLO sind in folgenden Ländern Dachverbände von Sinfonie- und Kammerorchestern des Jugend- bzw. Amateurbereichs bekannt, die in ihrer Struktur mit dem BDLO vergleichbar sind:
• Estland: Eesti Sümfoonieaorkestrite Liit (ESOL)
• Irland: Irish Association of Youth Orchestras (IAYO)
• Japan: Japanischer Amateurorchesterverband (JAO)
• Litauen: Latvijas Orkestru Asociacija (LAO)
• Niederlande: Federatie van Amateur Symfonie- en Strijkorkesten (FASO)
• Norwegen: Norske Symfoni-Orkestres Landsforbund (NASOL) und De Unges Orkesterforbund (UNOF)
• Schweiz: Eidgenössischer Orchesterverband (EOV)
• Tschechien: Asociace neprofesionálních komorních a symfonických těles (ANKST)
Außer bei den Jugendorchestern wird die Arbeit dieser Verbände in der Regel ehrenamtlich geleistet.
In drei Ländern sind Dachverbände bekannt, in denen neben Sinfonie- und Kammerorchestern auch weitere Amateurorchester bzw. -chöre zusammengeschlossen sind:
• Belgien: Vlaamse amateurmuziekorganisatie (VLAMO)
• Großbritannien: Making Music
• Ungarn: Magyar Kórusok, Zenekarok és Népzenei Együttesek Szövetsége (KÓTA)
Diese Verbände entsprechen in ihrer Art eher dem Bundesmusikverband Chor & Orchester und verfügen über hauptamtliche Strukturen.
In einer Reihe weiterer Länder gibt es einzelne Amateur-Sinfonie- und -Kammerorchester in unterschiedlichen Ausprägungen, die aber nicht in Verbänden zusammengeschlossen sind. Vor allem in Asien entwickelt sich zunehmend eine derartige Landschaft (China, Taiwan, Singapur u. a.)
Diese heterogene Struktur verdeutlicht die Herausforderungen einer internationalen Zusammenarbeit, insbesondere angesichts der Tatsache, dass die Arbeit der Orchester und Verbände in der Regel im Ehrenamt stattfindet. Die Ressourcen für dauerhafte internationale Kooperationen, die über einzelne Projekte hinausgehen, sind daher meist sehr begrenzt. Der BDLO sieht aus der eigenen kulturellen Tradition im internationalen Kontext seine Aufgabe darin, Ideen und Erfahrungen aus der deutschen Amateurorchesterszene an andere Länder weiterzugeben. In diesem Sinne bringt sich der BDLO seit den 1980er-Jahren aktiv in die internationale Zusammenarbeit ein.
Der Beginn der internationalen Zusammenarbeit: die Gründung der Europäischen Vereinigung von Liebhaberorchestern
Der erste Schritt zur internationalen Zusammenarbeit mit vergleichbaren Verbänden im europäischen Ausland war die Gründung der Europäischen Vereinigung von Liebhaberorchestern (EVL) im Jahr 1985. Initiiert von dem Schweizer René Pignolo vereinbarten die ähnlich strukturierten Amateurorchesterverbände vor allem aus Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und aus Skandinavien eine Zusammenarbeit in einem Dachverband.
Die Gründungsmitglieder schufen mit einem Europäischen Dachverband ein Netzwerk, um Erfahrungen auszutauschen. Da mehrere Verbände über eigene Notenbibliotheken verfügen, entstand aber sehr bald auch der Gedanke, die Notenbestände der Bibliotheken den Orchestern der anderen Mitgliedsverbände über einen europäischen Notenleihverbund zugänglich zu machen. Seit 1985 besteht eine Regelung zum leihweisen Austausch von Notenmaterial unter Beachtung der jeweils geltenden urheberrechtlichen Bestimmungen. So sind in den „Nürnberger Katalog“ des BDLO bereits frühzeitig Daten der Bibliotheken der Partnerverbände eingeflossen. Diese stehen über den Online-Katalog auf der BDLO-Website zur Verfügung. Seit einigen Jahren arbeitet die EOFed im Zuge der Digitalisierung unter dem Titel European Library Search Engine (ELISE) am Aufbau einer Europäischen Suchmaschine für den bestehenden Verbund der Bibliotheken der Mitgliedsverbände.
Die ersten Europäischen Orchestertreffen
Um die grenzüberschreitende Kooperation für die Mitglieder erlebbar zu machen, konzipierte die EVL ein Europäisches Orchestertreffen, das alle drei Jahre an wechselnden Orten stattfinden sollte. Gastgeber des ersten Europäischen Orchestertreffens war der BDLO, der 1988 nach Friedrichshafen einlud. Die weiteren Mitgliedsverbände richteten die folgenden Festivals bis 2003 aus: 1991 in Solothurn (Schweiz), 1994 in Brno (Tschechien), 1997 in Leiden (Niederlande), 2000 in Lyon (Frankreich), 2003 grenzüberschreitend im Fürstentum Liechtenstein und Werdenberg (Schweiz). 2006 lud der BDLO erneut zu einem Europäischen Orchestertreffen nach Deutschland ein, das im sächsischen Chemnitz stattfand.
Der Weg zur European Orchestra Federation
1990 wurde mit der European Association of Youth Orchestras (EAYO) ein weiterer Europäischer Dachverband gegründet. Der BDLO gehörte auch hier zu den Gründungsmitgliedern. Der Verband hatte sich die Entwicklung der Jugendorchester in Europa zum Ziel gesetzt. Im Laufe der 2000er-Jahre zeigte sich jedoch, dass die bestehende Abgrenzung zwischen der Europäischen Vereinigung von Liebhaberorchestern und der European Association of Youth Orchestras nicht praktikabel war, da beide Verbände nur ehrenamtlich arbeiteten und die dafür erforderlichen Ressourcen nicht ausreichten. Nach intensiven Gesprächen gelang es, 2009 die EVL und die EAYO zur European Orchestra Federation (EOFed) zusammenzuführen. Die Gründung erfolgte im Rahmen des 8. Europäischen Orchesterfestivals im niederländischen Dalfsen unter Federführung des Gründungspräsidenten Daniel Kellerhals vom Orchester Liechtenstein-Werdenberg.
Vom Europäischen Orchestertreffen zum European Orchestra Festival
Durch den Zusammenschluss von EVL und EAYO erfuhren vor allem die Europäischen Orchestertreffen verstärkt Zuspruch von Jugendorchestern. Seit 2009 wurden sie unter der Bezeichnung European Orchestra Festival durch die EOFed fortgeführt. Die EOFed hat es sich zum Ziel gesetzt, mit der Wahl der Festivalorte das Modell der Amateurorchester bewusst auch in Regionen zu präsentieren, in denen diese Tradition noch nicht so etabliert ist wie in anderen Ländern. Festivalorte wie 2012 das estnische Tallinn, 2015 das italienischen Cremona oder 2022 die bulgarische Stadt Plovdiv verdeutlichen diesen Anspruch. Im Rahmen des Festivals in Cremona erfolgte zwar die Gründung eines italienischen Verbandes, allerdings gelang es leider nicht, die dauerhafte Existenz des Verbands zu sichern. 2018 fand das Festival auf Einladung des Norwegischen Jugendorchesterverbandes UNOF und des Norwegischen Amateurorchesterverbandes NASOL im norwegischen Bergen statt. Auch das Festival 2025 soll neue Signale für die bestehende kleine Amateurorchesterszene in Frankreich setzen, nämlich im südfranzösischen Avignon.
Kooperation mit dem Japanischen Amateurorchesterverband
Die große Wertschätzung für klassische Musik in Japan ist bekannt. Neben zahlreichen Berufsorchestern besteht daher in Japan auch eine große Anzahl an Amateurorchestern, die im Japanischen Amateurorchesterverband JAO zusammengeschlossen sind. In den 1990er-Jahren hat sich eine Zusammenarbeit zwischen JAO und BDLO entwickelt, die 1995 zur Unterzeichnung einer Kooperationsvereinbarung geführt hat. Sichtbarer Ausdruck dieser Kooperation ist die Teilnahme von jeweils 10 Personen am Bundesamateurorchester bzw. am jährlich stattfindenden japanischen Amateurorchesterfestival.
Die Entwicklung der World Federation of Amateur Orchestras
1998 initiierte der Japanische Amateurorchesterverband die World Federation of Amateur Orchestras (WFAO). Unter dem Vorsitz des japanischen Dirigenten Motoyasu Morishita wurde ein globales Netzwerk mit Schwerpunkten in Europa und Asien geschaffen, das Verbände von Amateurorchestern als auch einzelne Orchester vereint. 2009 übertrug Motoyasu Morishita den Vorsitz an den Schotten Richard Chester. 2011 folgte auf dessen Einladung in Glasgow die Gründung der WFAO als Verein nach Schweizer Recht und Wahl eines Board of Directors. Helge Lorenz vertritt seitdem den BDLO im Board der WFAO. Eine besondere Herausforderung der WFAO liegt darin, die Arbeit dieses internationalen Verbands ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis zu organisieren.
Unter der Schirmherrschaft der WFAO organisieren die Mitglieder der WFAO regelmäßig Konferenzen, um sich zu Schwerpunktthemen der Amateurorchesterszene auszutauschen. So stand beispielsweise 2016 in Oslo das Thema Notenbibliotheken und Digitalisierung von Noten im Mittelpunkt, 2018 in Bergen die Aktivitäten von Amateurorchestern in Entwicklungsländern, 2019 in Singapur Modelle und Trends in der Entwicklung von Amateurorchestern, 2021 in Dresden die Zusammenarbeit von Amateurorchestern und professionellen Musiker*innen, 2022 in Shizuoka das Streben nach einer neuen Universalität der Amateurorchester und 2023 in Istanbul Aktivitäten von Amateurmusikensembles in der Türkei.
Die Mitgliederversammlung der WFAO hat im November 2023 mit Helge Lorenz zum ersten Mal einen Vertreter des BDLO zum Vorsitzenden gewählt. Dies bedeutet für den BDLO Anspruch und Verpflichtung zugleich, auch künftig über den eigenen Verband hinaus zu wirken und vor allem dazu beizutragen, das Feuer unserer Musikbegeisterung auch über die Ländergrenzen hinaus weiterzugeben: einerseits an die Amateurorchester in Ländern, in denen es bisher keinen Verband gibt, mit dem Ziel, die Kräfte zu bündeln und einen Verband zu gründen, sowie andererseits an Amateurmusizierende, um sie zu animieren, zunächst Amateurorchester aufzubauen, um engagierten Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, auch über die musikalische Ausbildung als Kinder und Jugendliche hinaus ein Leben lang in einem Orchester musizieren zu können.
Das Jahr 2024 ist für mehrere der Partnerverbände ein Jubiläumsjahr: der niederländische Verband FASO feiert sein 75-jähriges Jubiläum, der norwegische Jugendorchesterverband UNOF 50 Jahre und der estnische Verband ESOL blickt auf sein 25-jähriges Bestehen zurück. Uns alle eint mit dem Blick auf die Jubiläen die Herausforderung, das Feuer bestmöglich weiterzugeben an die nächste Generation.
