Ehrenamtliche Vorstandsmitglieder zu gewinnen, stellt viele Kulturvereine und Verbände vor wachsende Herausforderungen. Auch aus Amateurmusik-Vereinen wird zunehmend berichtet, dass Vorstandspositionen nur schwer nachbesetzt werden können. So auch im BDLO. Also habe ich eine empirische Untersuchung durchgeführt, um zu analysieren, welche Faktoren die Bereitschaft zur Übernahme eines ehrenamtlichen Vorstandsmandats beeinflussen.
245 Mitglieder aus dem Umfeld der BDLO-Mitgliedsorchester habe ich im Rahmen einer quantitativen Online-Befragung befragt. Ziel war es, motivationsbezogene, strukturelle und personenbezogene Einflussfaktoren systematisch zu erfassen und deren Zusammenhang mit der Übernahmebereitschaft zu prüfen.
Zusammensetzung der Stichprobe
Die Stichprobe weist ein durchschnittliches Alter von 56,4 Jahren auf und umfasst eine breite Altersspanne von 19 bis 83 Jahren. Die Geschlechterverteilung ist nahezu ausgeglichen. Hinsichtlich der Dauer des bisherigen ehrenamtlichen Engagements zeigt sich eine hohe Heterogenität, wobei langjähriges Engagement deutlich überwiegt. Diese Struktur entspricht weitgehend bekannten Befunden zur Alters- und Erfahrungsverteilung in ehrenamtlichen Leitungsfunktionen in Kulturorganisationen.
Motivationale Grundlagen des Engagements
Zur Erfassung der Engagementmotive wurde die deutschsprachige Version des „Volunteer Functions Inventory“ (VFI) verwendet. Dieses Instrument unterscheidet sechs funktionale Motivdimensionen: Werte, Verständnis, soziale Motive, Karriere, Selbstwert und Ich-Schutz1.
Die Auswertung zeigt, dass insbesondere die wertebasierte Motivation – also der Wunsch, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten und kulturelles Engagement zu unterstützen – stark ausgeprägt ist. Ebenfalls deutlich ausgeprägt finden sich bei der Verständnisfunktion, die auf Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten verweist. Geringere Ausprägungen zeigen sich bei karrierebezogenen und ich-schützenden Motiven.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ehrenamtliches Engagement im untersuchten Kontext primär ideell und entwicklungsorientiert motiviert ist, während nutzen- oder zweckorientierte Motive eine untergeordnete Rolle spielen. Dieses Muster steht im Einklang mit bisherigen engagementbezogenen Studien im Nonprofit-Bereich.
1 Ich-Schutz meint ein Motiv, bei dem Engagement hilft, eigene Unsicherheiten oder negative Gefühle auszugleichen und das Selbstbild zu stärken.
Wahrgenommene Barrieren
Neben motivationsbezogenen Faktoren wurden auch potenzielle Hindernisse für die Übernahme eines Vorstandsmandats erfasst. Am häufigsten wurden der hohe zeitliche Aufwand, der allgemeine Arbeitsumfang sowie Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit mit beruflichen und familiären Verpflichtungen genannt, desgleichen das wahrgenommene Haftungsrisiko.
Diese Befunde bestätigen die Annahme, dass strukturelle Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle für die Engagementbereitschaft spielen. Während die grundsätzliche Motivation vorhanden ist, wirken organisatorische Belastungsfaktoren als einschränkende Bedingungen.
Hypothesengeleitete Analyse zentraler Einflussfaktoren
Die statistische Auswertung der in der Masterarbeit aufgestellten Hypothesen liefert ein differenziertes Bild: Ein signifikanter positiver Zusammenhang zeigt sich zwischen wertebasierter Motivation und der Bereitschaft, ein Vorstandsmandat zu übernehmen: Personen mit stärker ausgeprägten altruistischen Motiven weisen eine höhere Übernahmebereitschaft auf. Dieser Befund unterstreicht die Bedeutung ideeller Orientierungen für Führungsengagement im Ehrenamt.
Ebenfalls deutlich ist der Einfluss des wahrgenommenen Zeitaufwands: Je höher die subjektiv eingeschätzte zeitliche Belastung, desto geringer ist die Bereitschaft zur Amtsübernahme. Dieser Zusammenhang erwies sich als statistisch signifikant und stellt einen der stärksten identifizierten Einflussfaktoren dar.
Darüber hinaus zeigt sich ein positiver Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeit – also der subjektiven Überzeugung, ein Amt erfolgreich ausüben zu können – und Übernahmebereitschaft. Personen, die sich die Bewältigung der Aufgaben zutrauen, sind eher bereit, Verantwortung zu übernehmen.
Die Annahme, dass jüngere Personen grundsätzlich eine höhere Bereitschaft zur Amtsübernahme zeigen, konnte hingegen nicht bestätigt werden. Zwischen Altersgruppen unter und über 40 Jahren ergaben sich keine signifikanten Unterschiede. Auch bereits früher gesammelte Vorstandserfahrung zeigte lediglich eine Tendenz in Richtung höherer Bereitschaft, jedoch ohne statistische Signifikanz.
Einordnung der Ergebnisse
Die Untersuchung verdeutlicht, dass die Bereitschaft zur Übernahme eines ehrenamtlichen Vorstandsmandats nicht primär vom Alter oder von soziodemografischen Merkmalen abhängt. Ausschlaggebend sind vielmehr ein Zusammenspiel aus ideeller Motivation, subjektiver Kompetenzwahrnehmung und strukturellen Rahmenbedingungen.
Insbesondere der wahrgenommene bzw. vermutete zeitliche Aufwand erweist sich als zentrale Hürde. Gleichzeitig zeigt sich, dass Motivation allein nicht ausreicht, wenn organisatorische Belastungen als zu hoch eingeschätzt werden. Die Stärkung von Selbstwirksamkeit – etwa durch transparente Aufgabenprofile, begleitende Unterstützung oder Mentoring – könnte einen Ansatzpunkt darstellen, um potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten zu ermutigen.
Schlussfolgerung
Die Ergebnisse legen nahe, dass die Sicherung ehrenamtlicher Vorstandsstrukturen weniger von mangelnder Bereitschaft, sich zu engagieren abhängt als vielmehr davon, ob geeignete organisatorische Rahmenbedingungen bestehen oder geschaffen werden können. Ideelle Motivation ist im Bereich der Amateurmusik deutlich vorhanden. Um diese Motivation in konkrete Verantwortungsübernahme zu überführen, bedarf es transparenter Strukturen, realistischer Aufgabenzuschnitte und unterstützender Rahmenbedingungen.
Die vorliegenden Befunde liefern empirisch fundierte Hinweise für die Weiterentwicklung von Rekrutierungsstrategien im Bereich ehrenamtlicher Leitungsfunktionen innerhalb der Amateurmusik und vergleichbarer Nonprofit-Organisationen.




