Leistungsgedanke versus Erlebnisse des Miteinanders
Zuerst will eine Besonderheit gerade dieses Seminars bedacht sein: Nicht der pure Leistungsgedanke steht im Vordergrund, wie er leider immer mehr auch beim Laienmusizieren um sich zu greifen scheint (mit allen möglichen negativen Begleiterscheinungen, etwa der, dass auch Amateure aufeinander herabblicken oder sich gar gegenüber professionellen MusikerInnen auf fachlich mitunter sehr dünnes Eis wagen). Vielmehr richtet sich die Einladung alljährlich ganz ausdrücklich auch an Menschen, die in ihrem häuslichen Umfeld keinen Anschluss an ein Orchester finden können, sei es, dass es gar keins gibt, sei es, dass die Konkurrenz „erschlagend“ riesig ist (was gerade für ältere MusikantInnen zum Problem wird – eine weitere merkwürdige und ungute Parallele zu Erscheinungen des gesellschaftlichen ebenso wie des Kulturlebens…). Es finden seitens des LBBL auch keine Probespiele oder dergleichen statt. Natürlich wird an die Eignung (und deren verantwortliche Selbsteinschätzung) jeder/s Einzelnen appelliert, um in der sehr knapp bemessenen Zeit eines solchen Workshops (immer nur von Freitagabend bis Sonntagnachmittag) so weit wie möglich vorankommen zu können; dennoch hat alles eine ausdrücklich „soziale“ Komponente, um jeder/m auf seinem/ihrem individuellen Weg des Vorankommens zu helfen: Daraus entstehen dann – wie wir es jedesmal beglückt bemerken können – schöne unverkrampfte und ermutigende Erlebnisse des Miteinanders; und die gewachsene Resonanz sowie manch beglückte Rückmeldung bestätigen das offensichtlich.
Jedes Mal aufs Neue ein passendes Programm
Zu alldem versuchen wir auch nicht, musikalische Riesenwerke mehr oder weniger „al fresco“ zu stemmen – vielmehr soll jedesmal aufs Neue versucht werden, ein passendes Programm zu finden, das in der knappen Zeit auch zu bewältigen und (wohlbemerkt) nicht nur irgendwie zu spielen, sondern schon auch geistig zu durchdringen ist. Am Ende steht in der Regel auch kein öffentliches Konzert mit seinen ausgesprochenen oder unausgesprochenen Erwartungsvorgaben und (wieder am Hochprofessionellen ausgerichteten) Ritualen, sondern eine Art moderierte Abschluss-Generalprobe, die die ZuhörerInnen mit hineinnimmt in das Werden dieses Wochenendes und den MusikantInnen doch auch Gelegenheit zu einem gewissen Résumé lässt. Natürlich werden dort auch keine Mitschnitte angefertigt, sind doch oft die Freude am eigenen Tun des Laienmusizierens und das unbefangene Anhören von dessen Ergebnissen zwei manchmal recht unterschiedliche Paar Schuhe. Im übrigen hat unsere Zeit wohl alles nötig, aber gewiss keine weitere Aufnahme irgendwelcher Werke, die bereits tausende Male vorliegen, und jedes Schweigen scheint mir in dieser Hinsicht (aber nicht nur in dieser) ein großer Gewinn. Und ist nicht die schöne, lebhafte Erinnerung an die wunderbare gemeinsame Erfahrung eines solchen Wochenendes weitaus reicher und bereichernder als ihre nichtssagende Materialisierung?
Eine „mäßige“ sinfonische Besetzung
Das Repertoire dieser „unserer“ Orchesterwerkstätten setzt eine „mäßige“ sinfonische Besetzung voraus: Zweifache Holzbläser (die mitunter aufgrund der Nachfrage verdoppelt werden müssen), 2-4 Hörner, 2 Trompeten, bei Bedarf 3 Posaunen, Pauken (je nach Erfordernis auch Schlagwerk), Streicher, evtl. Harfe. Diese Einschränkungen sind einerseits der Logistik geschuldet, müssen aufwändigere Instrumente doch auch aufwändig an die Spielstätten (oft am Rande oder außerhalb Berlins) gelangen. Andererseits berühren sie Erwägungen der Effektivität: Es gilt als gesetzt, dass die wenige Zeit, die zum Musizieren bleibt, auch von allen genutzt werden möchte – das verbietet größere Besetzungsschwankungen zwischen den Stücken von vornherein. Hieraus nun jedes Jahr aufs Neue ein ansprechendes, erstmal überhaupt einladendes Programm zu fertigen, das auch noch stilistisch möglichst breit aufgestellt ist, erfordert (das sei nicht verschwiegen) schon mitunter eine gewisse „Quadratur des Kreises“.
Klassiker und mehr
Die frühesten Wegmarken unserer Erkundungen stellen dabei einige der großen Sinfonien Joseph Haydns und Wolfgang Amadeus Mozarts dar: Von letzterem bietet sich unter den genannten Voraussetzungen seine „Pariser“ Sinfonie KV 297 an, bei Haydn kommt deswegen die „Londoner“ Sinfonie Hob. I:104 in Frage. Ludwig van Beethoven stand mit Sätzen seiner 5. Sinfonie op. 67 ebenso im Fokus, als auch mit der gesamten „Egmont“-Musik op. 84. Des öfteren haben wir uns an Franz Schubert versucht: Ouvertüre in D „im italienischen Stil“ D 590, die Sinfonien in h D 759 („Unvollendete“) und die „Große“ in C D 944. Mendelssohn war sowohl mit seiner „Reformationssinfonie“ op. 107, als auch mit der „Hebriden“-Ouvertüre op. 26 vertreten, Robert Schumann mit „Ouvertüre, Scherzo und Finale“ op. 52. Von Johannes Brahms und Anton Bruckner eignen sich in dem genannten Rahmen natürlich keine Sinfonien, wohl aber kleiner formatierte Werke: Etwa Brahms‘ 1. Serenade op. 11, seine „Ungarischen Tänze“ oder Bruckners frühe Vier Orchesterstücke WAB 96 und 97; Antonín Dvořák bietet sich mit Mehrerem an: sowohl mit Sätzen seiner Sinfonien, als auch den reizenden „Legenden“ op. 59 oder den „Prager Walzern“, natürlich auch den „Slawischen Tänzen“. Immer ebenso anregend wie lohnend ist ein Abstecher ins Wien der Walzerkomponisten.
Verfügt man einmal über einen guten Solisten, der die besonderen Bedingungen einer solchen Werkstatt zu schätzen weiß, dann erweitert sich die Auswahl wiederum: So konnten wir einige Mahler-Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ studieren. Und auch Maurice Ravel und Claude Debussy müssen nicht außen vor bleiben: Wir hatten die zauberhafte „Pavane pour une infante défunte“ ebenso im Programm wie die „Petite Suite“ in der Orchesterfassung von Henri Busser. Georges Bizet kommt freilich mit seinen „L’Arlésienne“-Suiten immer in Frage. Doch auch in den letzten beiden Jahrhunderten gibt es sehr lohnende Entdeckungen zu machen: Wir erinnern uns sehr eindrücklich an die tolle Musik Hanns Eislers zum russischen Revolutionsdrama „Sturm“, an die originellen „Dance Scenes“ der englischen Komponistin und Oboistin Maddy Aldis-Evans oder an den hinreißenden Danzón Nr. 2 des Mexikaners Arturo Márquez.
Wichtigste Voraussetzung
So konnte in all den Jahren doch ein vielfältiges, ganz offensichtlich ebenso einladendes wie anregendes Repertoire zusammenkommen, das uns im Rahmen unserer Vorgaben vor herausfordernde Aufgaben stellte, die aber eigentlich jedesmal gut zu bewältigen waren. Doch eins ist die vielleicht wichtigste Voraussetzung, um in der Kürze eines solch knappen Wochenendes mit einem Ensemble, das sich ja gerade da erst findet, zu erquicklichen Ergebnissen kommen zu können – und es wundert mich nicht wenig, dass dies nicht zuallererst bei professionellen Orchestern abgeschaut wird: Nach meiner Erfahrung kann alles nur funktionieren, wenn jede (wirklich: jede!) Orchesterstimme zuvor minutiös musikalisch wie technisch eingerichtet ist und so den Mitwirkenden von vornherein zur Kenntnis gelangt. Nur dann können alle vom gleichen Punkt aus starten, nur dann kann die kostbare Zeit des gemeinsamen Musizierens wirklich auch dafür genutzt werden.
Übrigens: Die eingangs erwähnte 36. Werkstatt ist für den 18.-20. September 2026 wiederum in der Ländlichen Heimvolkshochschule am Seddiner See geplant. Vielleicht haben Sie ja gerade Lust bekommen, das selbst einmal zu erleben?
Die Ausschreibung wird demnächst hier erscheinen: https://www.lbbl-ev.de/aktuelles.


