Große Anlässe brauchen ausdrucksstarke Werke und eine eindrucksvolle Aufführung. Zum 100-jährigen Jubiläumskonzert des Orchestervereins Ulm / Neu-Ulm sollte es etwas Besonderes werden. Neben der klanggewaltigen Chorfantasie für Klavier, Chor und Orchester von Ludwig van Beethoven sollte der Sommernachtstraum op. 61 von Felix Mendelssohn Bartholdy auf dem Programm stehen, der auf der gleichnamigen Textfassung von William Shakespeare beruht. Üblicherweise werden daraus Auszüge aufgeführt, wie die Ouvertüre, das verträumte Notturno oder der beliebte Hochzeitsmarsch. Eine werkgetreue, über einstündige Gesamtfassung mit dem ins Deutsche übersetzten Shakespeare-Originaltext, der teilweise mit der Musik durchzogen ist, ist dagegen sehr viel seltener und aufwändiger. Da beide Varianten nicht den Vorstellungen für das geplante Konzertformat entsprachen, musste es eine Neukonzeption werden – das Großprojekt begann.
Musikalische Auswahl
Zunächst wählte der Dirigent und musikalische Gesamtleiter Michael Eberhardt die musikalischen Sätze aus, die aufgeführt werden sollten. Dadurch wurde die Fassung auf eine für das Konzert angemessene Aufführungsdauer von etwa 40 Minuten verdichtet. Zur besseren Verständlichkeit sollte zusätzlich die Überlagerung von Musik und szenischen Abschnitten vermieden werden. So entstand eine lebendige, kurzweilige Dramaturgie mit klarer Handlung und hoher Nachvollziehbarkeit für das Publikum.
Szenisches Konzept
Es gibt sowohl Fassungen mit nur einem Erzähler, als auch mit über einem Dutzend verschiedener Schauspieler, die in die jeweiligen Rollen schlüpfen. Die Entscheidung fiel auf eine Mischung. Für die szenische Umsetzung konnte der Schauspieler Samuel Merold gewonnen werden, Träger des Förderpreises „Junge Ulmer Kunst“. Er übernahm die Hauptrolle des Kobolds Puck, der das Publikum erzählerisch durch das Werk führte. Zusätzlich schlüpfte er abwechselnd in sieben weitere zentrale Figuren. Diese wurden jeweils ausführlich charakterisiert und waren durch Gestik, Mimik, Tonfall sowie verschiedene Requisiten klar und leicht unterscheidbar.
Textfassung
Nachdem die wesentlichen Rahmenbedingungen geklärt waren, konnte Orchestermitglied Hans-Ulrich Stiehl mit der Erstellung einer neuen Textfassung beginnen. Neben der Probenarbeit mit dem Instrument galt es, sich nun also auch ausführlich in Shakespeares „A Midsummer Night’s Dream“ von 1595, in der deutschen Übersetzung von August Wilhelm Schlegel, einzulesen. Es erfolgte eine Auswahl von etwa hundert Textpassagen, die die Handlung vorantreiben und erzählenden Charakter haben. Diese wurden neu und zeitgemäß formuliert. Zusätzlich wurden sechzig ausgewählte Originalzitate eingefügt, um dem Publikum einen authentischen und historischen Einblick in den unvergleichlichen, zauberhaften Sprachwitz Shakespeares voller Metaphern und Symbole zu ermöglichen. Das Ziel dieser Fassung bestand darin, eine eigenständige Form zu entwickeln, die Musik und Theaterspiel gleichberechtigt verbindet. So werden Shakespeares Humor, Geist und poetische Erzählweise in einer modernen, kompakten und zugänglichen Inszenierung erlebbar.
Szenische Feinplanung & Regieanweisungen
Auf Grundlage der Textfassung fand die erste Abstimmung mit Michael Eberhardt (musikalische Gesamtleitung), Samuel Merold (Schauspiel) und Ulrike Scherr-Simon (Orchestervorstand) statt. In einer höchst kreativen und konstruktiven Diskussion wurden die besten Ideen für die Umsetzung auf der Bühne und die benötigten Requisiten ausgetauscht. Um einen dynamischen Szenenfluss und eine vertiefte Wahrnehmung des Handlungsverlaufs zu erreichen, sollte der Schauspieler an drei verschiedenen, jeweils aber gut zugänglichen Orten auf der Bühne erscheinen.
Nun konnte die Textfassung durch ausführliche Regieanweisungen und Charakterisierungen der unterschiedlichen Rollen ergänzt und finalisiert werden, um den Schauspieler bestmöglich zu unterstützen.
Requisitenbeschaffung
Als möglichst ausdrucksstarke und für das Publikum gut sichtbare Requisiten wurden eine Eselskopf-Attrappe für den zum Esel verzauberten Handwerker Zettel, eine überdimensionierte Blume für den Liebesblütensaft, sowie ein herrschaftlicher Spazierstock und eine bedrohlich wirkende, zwei Meter lange, bühnenwirksame Plüsch-Python benötigt. Auch ein Dolch für eine entsprechend dramatische Szene durfte bei Shakespeare nicht fehlen. Ulrike Scherr-Simon fand und besorgte alles schnell und tatkräftig – der Requisiten-Fundus war damit komplett.
Probenarbeit
Parallel dazu lief die musikalische Probenarbeit weiter. Zunächst erarbeiteten das Orchester und ein Ulmer Chorensemble mit über 70 Sängerinnen und Sängern sowie zwei Gesangssolistinnen ihre jeweiligen Teile selbständig. Anschließend fanden zwei gemeinsame musikalische Gesamtproben statt. Für über 150 Personen mussten größere Probenräume und gemeinsame Termine gefunden werden. Auch musikalisch stieg der Abstimmaufwand und es galt für alle, noch besser aufeinander zu hören, damit alles zu einem großen Ganzen zusammenwachsen konnte. Sowohl für das Orchester, als auch das Chorensemble war es eine ausdrückliche Bereicherung und Lernerfahrung, miteinander musizieren zu dürfen. Abschließend wurden der Sprechtext und das Schauspiel integriert. In Anbetracht des Umfangs und der verfügbaren Probenzeit galt es dabei für alle, möglichst effizient und kräftesparend zu proben.
Bühnenvorbereitung
Im Vergleich zu einem regulären Orchesterkonzert war der Aufwand für die Bühnenvorbereitung höher. So wurde für den Schauspieler ein tragbares Mikrophon benötigt, und seine drei Auftrittsorte vor bzw. im Orchester und vor dem Chor erforderten entsprechende Podeste und Pulte. Die Wege auf der Bühne mussten gut zugänglich sein und die jeweiligen Requisiten an der richtigen Stelle hinter oder auf der Bühne bereit gelegt werden.
Damit war alles angerichtet, der große Tag konnte kommen: Am 18. Mai 2025 wurde im Edwin-Scharff-Haus in Neu-Ulm eine neue musikalisch-szenische Konzeption von Felix Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“ op. 61 (ur)aufgeführt.
Aufführung
Das Werk, voller märchenhafter Magie und Romantik, entfaltete seine eindrucksvolle Wirkung. Bereits in der Ouvertüre entführen die zart flirrenden Streicher das Publikum leichtfüßig in die Welt der Elfen und Feen. Im Elfentanz wirbeln sie umher. Zwei junge Liebespaare fliehen vor gesellschaftlichem Druck in einen verzauberten Wald. Dort sorgen der mächtige Elfenkönig Oberon und sein Diener Puck durch einen magischen Liebeszauber für chaotische Verwechslungen: Die Liebe wird willkürlich gelenkt, ein Handwerker erhält einen Eselskopf und erobert damit irrtümlich die Elfenkönigin Titania. Die Irrungen und Wirrungen werden schließlich aufgelöst und münden in ein großes Hochzeitsfest.
Immer wieder wechselt die Szene zwischen der menschlichen Welt und der Elfenwelt, dem Adel und dem einfachen Volke. Diese Wendungen machen die Handlung plastisch und bunt. Die Erheiterung des Publikums über Shakespeares humorvollen Wortwitz war selbst aus dem Orchester heraus wahrnehmbar.
Die Musik schafft durch magische Elfenklänge, und teilweise rasanten Passagen eine traumhafte, übernatürliche Atmosphäre, in der Realität und Fantasie verschwimmen. Als buntes, teils wildes Spektakel der komödiantischen Liebesverwirrung löst es sich im Finale harmonisch auf und verklingt in einer sphärischen Atmosphäre, mit einem Gefühl leichter, versöhnlicher Magie.
Rezeption
Das Publikum spendete viel Beifall, und die positive Resonanz der Besucher, darunter Stimmen wie: „Ich habe heute zum ersten Mal wirklich verstanden, worum es im Sommernachtstraum geht“, sowie die positive Kritik der lokalen Presse bestätigten die Idee und den künstlerischen, kulturvermittelnden Wert dieser Neukonzeption.
Das Projekt steht somit exemplarisch für die Weiterentwicklung klassischer Konzertformate hin zu spartenübergreifenden, publikumsorientierten Darbietungen, die neue Zugänge zu bekannten Werken ermöglichen. Der Landesverband Baden-Württembergischer Liebhaberorchester (LBWL) honorierte das Projekt im Rahmen eines Sonderförderungsprogrammes – eine schöne Anerkennung der Leistung aller Beteiligten.
Mut, Tatkraft, Disziplin und Detailarbeit sind der Schlüssel, um sich an die großen Werke mit frischem Blick zu wagen – es lohnt sich für alle, von den Interpreten bis zum Publikum. Die Mühe wird mit unvergesslichen Momenten belohnt.

