Tja, liebe Orchesterkollegen, Hand aufs Herz: lieber gute alte Bekannte zum x-ten Mal wiedertreffen oder sich gemeinsam mutig in neue, unbekannte Repertoire-Abenteuer stürzen? Das könnte zuerst eine Altersfrage sein. Die »Offenohrigkeit« des Publikums (und der Musiker), also die Offenheit gegenüber neuer und unbekannter Musik, nimmt mit dem Alter ab. Und das überalterte deutsche Klassikpublikum stimmt mit den Füßen ab: lieber eine Dvořák-Sinfonie als ein unbekanntes Werk von Florence Price. Lieber Smetana als Philip Glass. Außerdem die ganzen pragmatischen Abwägungen: der Notenwart freut sich, wenn er die fertig eingerichteten Kopien schon im Regal hat. Der Dirigent hat das Werk seit seinem Studium schon Dutzende Male einstudiert und kennt die fiesesten Hürden (»Bratschen, die zwölf Takte nach Q wie Quarkstulle müsst ihr euch noch mal unters Kopfkissen legen!«). Und – achje – wie war das noch mal mit den Aufführungsrechten dieses kürzlich gestorbenen armenischen Komponisten, liegen die jetzt in Paris beim Verlag oder bei der Familie, die heute teils in Israel, teils in Moskau lebt? Und dann müssen wir noch zwei Saxofone einkaufen? Nee, nee, nee, dann lasst uns doch die Jupiter-Sinfonie spielen.
In meiner Brust wohnen da zwei Seelen. Da ist die des Musikkritikers und des Amateurmusikers, der oft und gern abenteuerliche Ausflüge in entfernte Ecken und Winkel des Repertoires unternimmt und es liebt, vergessene Kuriositäten auszugraben. So habe ich zum Beispiel jüngst Strawinskis »Apollon Musagète«-Ballett oder Korngolds schwelgerische Mantel-und-Degen-Filmmusik zu dem 1940er Klassiker »The Sea Hawk« für mich entdeckt, die Proben waren zwar schmerzlich, die Konzerte indes tief beglückend.

Kinder, übt Neues!
Dennoch, mein heutiges Plädoyer: Kinder, übt Neues!3 Nichts macht mehr Spaß, als sich gemeinsam lustvoll in ein Werk zu knien, das von den aktiven Orchestermitgliedern noch niemand je auf dem Pult hatte, das die Hörner noch zur Weißglut treibt und dem Konzertmeister in seinem Solo den Schweiß auf die Stirn. Wir wachsen an diesen technischen Herausforderungen! Es schadet keinem Orchester, statt des gemütlichen Tschechen in New York mal gemeinsam einen Amerikaner in Paris zu erarbeiten. »Meinem« kampferprobten Sinfonieorchester, für dessen Probenphasen ich nun schon viele Jahre lang jeden Sommer nach Österreich reise, habe ich für die nächsten Konzerte folgende Obskuritäten vorgeschlagen: Georgi Tutevs (1924–1994) geheimnisvolles Werk »Tārsene na sagubenata harmonia« (Die Sehnsucht nach der verlorengegangenen Harmonie). Ernst Hermann Meyers rasantes Bratschenkonzert (für den Solisten am Rande der Unspielbarkeit!). Seine »Sinfonische Widmung« für Orchester mit konzertanter Orgel, geschrieben zur Wiedereröffnung des Schauspielhauses am Berliner Gendarmenmarkt 1984. Und schließlich die 4. Sinfonie von Dmitri Kabalewski. Von all diesen Werken ließen sich feine Fäden in die Gegenwart spinnen.4
In Dresden zu leben bedeutet ja nicht nur, sich musikkulinarisch von Bach, Beethoven, Carl Maria von Weber, Robert Schumann, Richard Wagner und Sergei Rachmaninow zu ernähren. Allerorten stolpert man in den hiesigen Musikbibliotheken über alte DDR-Schätzchen (Kurt Schwaen! Johannes Paul Thilman! Friedrich Goldmann! Rudolf Wagner-Régeny!), die darauf warten, wiederentdeckt und neu befragt zu werden: Hat der Zahn der Zeit an diesem Werk zu sehr genagt, oder weiß es auch nach einem halben Jahrhundert noch zu begeistern? Die neuen Medien machen es einfach, sich rasch und unkompliziert einen Überblick zu verschaffen über alle möglichen unbekannten Komponisten und Werke. Ich wünschte mir, dass die hier ansässigen Profi- und, ja, auch die Amateurorchester noch experimentierfreudiger wären, was das Repertoire angeht. Es ist doch unsere Aufgabe, nicht nur die üblichen Reißer des 19. Jahrhunderts wieder und wieder herauszukramen. Mit einer kurzweiligen Konzerteinführung durch den Dirigenten, der vielleicht sogar ein paar sperrige Wendungen und Passagen anspielen lässt und Anknüpfungspunkte für Ersthörer schafft, wird das nächste Konzert zum echten Geheimtipp, so dass vielleicht auch mal ein FAZ-Kritiker an den Elbestrand reist. Jetzt müssen wir nur noch den Schweinehund überstimmen, der die »Hebriden«-Ouvertüre so liebt! (Also, den inneren …)
1) gemeint ist das Dresdner Orchester »medicanti« und dessen Konzert am 25.01.2026 in der Kreuzkirche Dresden
2) Rezension von Wolfram Quellmalz, erstveröffentlicht in Dresdner Neueste Nachrichten am 27. Januar 2026, leicht revidierte Fassung auf »Neue (musikalische) Blätter«
3) bezugnehmend auf Wagners »Kinder! macht Neues! Neues! und abermals Neues! – hängt Ihr Euch an’s Alte, so hat euch der Teufel der Inproduktivität, und Ihr seid die traurigsten Künstler!« im Brief vom 8. September 1852 aus Zürich an Franz Liszt (siehe hier …)
4) Apropos, vor zehn Jahren fand die Dresdner Erstaufführung von Alexander Keuks zarter Sonate für Viola solo, »DATTA«, statt. Das von mir 2011 beauftragte Werk, das Nils Mönkemeyer einst in München uraufführte, sollte unbedingt wieder einmal befragt werden! Wer hätte Lust?
Tipps zum Weiterlesen
- Matthijs Kalmijn, Kène Henkens. A Symphony for the Ages: Strategies for Classical Music Amid Demographic Shifts. (Quelle)
- Embracing the future with confidence: The evolution of the orchestral audience in the digital age. A research study by the Royal Philharmonic Orchestra. (Quelle)
- Schellberg, Gabriele; Gembris, Heiner: Musikalische Vorlieben von Grundschulkindern für Klassik, Neue Musik und Popmusik – In: Kaiser, Hermann J. [Hrsg.]: Musikpädagogische Forschung in Deutschland. Dimensionen und Strategien. Essen: Die Blaue Eule 2004, S. 37–46 (Quelle)
- Benjes, Lisa. Audience Development in Contemporary Music, Guide to developing an Audience Development Plan. (Quelle)
- Brüggemann, Axel. »Die Zwei-Klassik-Gesellschaft. Wie wir unsere Musikkultur retten.« Frankfurter Allgemeine Buch, 2023.
- Herman, Michael. Russian, Soviet & Post-Soviet Symphonies (Quelle)

