Dieser Konzertbericht stellt neue Wege bei der Gestaltung und Finanzierung von Konzerten vor: Aufregende Neuigkeiten bringt der berittene Bote aus dem Stegreif, noch mit dem Fuß im Steigbügel, der auch aus einer Schlinge (Steg) mit einem Seil daran (Reif) bestehen kann, wie das etymologische Wörterbuch erklärt.
Das Stegreif-Orchester spielt tatsächlich so unmittelbar wie sein Name suggeriert. Ich habe das neue Programm „freebruckner“ gehört, nein, ich habe es erlebt: Die 34 professionell ausgebildeten Musiker improvisierten zur Siebten Symphonie des großen Orgel-Improvisators. Noch im Dunkeln wurde das Publikum von allen Seiten in ein feines Geigen-Tremolo gehüllt, bis sich allmählich alle Musiker – dezent mit schwarzem Tüll geschmückt – auf der Bühne zusammenfanden. Dort gab es keine Pulte zu sehen, sondern einen langen schwarzen Riegel, der als Laufsteg, Liegefläche und festliche Tafel genutzt wurde. Während des gesamten Stücks blieben die Musiker stets in Bewegung. Sie spielten dezent in der Hocke, setzten sich solo in Szene, fanden sich zu einem Quartett zusammen, rollten das Schlagwerk in die Mitte oder trafen sich zum gepflegten musikalischen Austausch an langer Tafel. Unruhe kam dadurch nicht auf, im Gegenteil war das Publikum – vom typischen Konzertgänger über eine zwangsverpflichtete Jungs-Klasse bis hin zu Musikliebhabern und Kurzentschlossenen – besonders ruhig. Selbst das an einer Stelle erbetene Aufstehen gelang nahezu geräuschlos und wurde von älteren Paaren zu einer herzlichen Umarmung genutzt. Die Improvisation über Bruckners Symphonie ließ auch Elemente aus Jazz und arabischer Musik anklingen. Die choreographierte Inszenierung ist keine Show, sondern ein Interpretationsangebot, unaufdringlich und offen genug, um die Aufmerksamkeit sanft zu leiten und die Phantasie zu beflügeln. So kann man die einzelnen Musikerpersönlichkeiten kennenlernen und die Klangqualität der verschiedenen Instrumentengruppen genießen.
Damit lädt das Stegreif-Orchester auch neues Publikum zu klassischer Musik ein, denn es bietet eine auch visuelle Hinführung zu einem Verständnis längerer Phrasen und komplexer Harmonik. Darüber hinaus zeigt diese Form der Musikdarbietung, wo klassische Orchestermusik herkommt und was sie sein kann, nämlich Improvisation, inneres Bewegtsein, Tanz und Gemeinschaft. Es ist bewundernswert, wie gut die Musiker einander zuhören und aufeinander reagieren, müssen sie doch immer wieder einmal ohne Blickkontakt spielen. Anstelle eines Dirigenten oder auch nur eines Stimmführers besteht demokratische Gleichberechtigung in und zwischen den Instrumentengruppen.
Das alles tut das Stegreif-Orchester mit Bedacht: Es geht ihm darum, den Klassikbetrieb zu revolutionieren, damit er bleibt.
Die Proben für derartige Programme dürften sehr aufwändig sein, schließlich entwickeln 34 Persönlichkeiten eine gemeinsame Improvisation zu einer Symphonie. Das setzt einen Freiraum voraus, in dem sich Kreativität und Denken ohne finanzielle Sorgen und kommerzielle Orientierung entwickeln können. Doch die Fortsetzung der zehnjährigen Erfolgsgeschichte dieses Orchesters ist jetzt bedroht, da ihm – wie so vielen anderen Kultureinrichtungen – die staatlichen Fördergelder gestrichen werden.
Deshalb setzen die Musiker des Stegreif-Orchesters auf den Aufbau einer Gemeinschaft von Musikliebhabern: Dabei geht es ihnen um gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften, das sich weniger an Profit als an gemeinschaftlicher Verantwortlichkeit orientiert. Um die existentielle Unsicherheit zu überwinden und seine künstlerische Freiheit zu sichern, bräuchte das Orchester zum Beispiel 300 Menschen, die es jährlich mit 333 € unterstützen. Davon können die Musiker ihr Haupteinkommen sichern und die Kosten für Öffentlichkeitsarbeit, Informationstechnik, Reisen, Licht- und Tontechnik decken. Im ersten Jahr der Gemeinschaftsgründung (2025) konnte das Orchester bereits die Hälfte der angestrebten Summe erreichen.
Mich hat das Konzert so beeindruckt, dass ich umgehend einen Dauerauftrag eingerichtet habe, um mich an dieser im besten Sinne revolutionären Gemeinschaft zu beteiligen.
Mehr Informationen und Eindrücke gibt es hier: https://stegreif.org
Ebenfalls hochinteressant sind die Konzertformate des Stegreif-Orchesters: https://treppenhausorchester.de


