Nun achtet ein Laienorchester bei der Auswahl der Werke im Allgemeinen eher auf andere Kriterien als Name und Geschlecht: spielbar muss es sein, die Besetzung muss passen, mindestens ein bekannterer Publikumsmagnet sollte auf dem Programm stehen. Für das OBM liegt diese Schnittmenge meist in der Epoche der Romantik – aber lassen sich in dieser Zeit keine Frauen finden? Zugegebenermaßen ist die Auswahl eher gering, denn nur wenige Frauen hatten die finanziellen Mittel und die gesellschaftliche Unterstützung, sich an der ehefräulichen Erwartungshaltung vorbei zu entfalten, aber es gibt sie. Einige Profi-Orchester engagierten sich in den letzten Jahren verstärkt, sie ans Tageslicht zu holen. So setzte beispielsweise das Berliner DSO in der Saison 2023/24 in jedem Konzert eine Komponistin aufs Programm.
Zum Herbstkonzert am 12. Oktober 2025 wurde es nun auch für das Orchester Berliner Musikfreunde Zeit, den Damen eine Bühne zu bieten. Es erklangen:
- Emilie Mayer (1812–1883), Faust-Ouvertüre
- Alice Mary Smith (1839–1884), Sinfonie Nr. 2 in a-Moll und
- Amy Beach (1867–1944), Sinfonie in e-Moll op. 32.
Die OBM-Vorsitzende Evelyne Kuß moderierte das Programm und gab Einblicke in das Leben der Komponistinnen. Jede der drei hat auf ihre Weise gegen die Vorurteile ihrer Zeit angekämpft und musikalische Spuren hinterlassen, die wiederzuentdecken es sich lohnt.
Emilie Mayer, geboren in Mecklenburg und später Wahl-Berlinerin, konnte sich durch eine Erbschaft unabhängig machen und ihr Leben ganz der Musik widmen. Statt zu heiraten, komponierte sie acht Sinfonien, Kammermusik und dramatische Ouvertüren, wie die von uns ausgewählte Faust-Ouvertüre. Zu ihren Lebzeiten wurden ihre Werke in ganz Europa aufgeführt, was ein außergewöhnlicher Erfolg für eine Frau ihrer Zeit war. Leider kümmerte sich danach niemand darum, ihre Bekanntheit zu erhalten.
Alice Mary Smith war eine der ersten britischen Frauen, die als Komponistin anerkannt wurde. Sie hatte zwei Töchter und musste Familie und musikalische Ambitionen vereinbaren. Ihr Ehemann unterstützte sie und betonte auch öffentlich, dass ihre Kompositionen ihre häuslichen Pflichten nicht beeinträchtigten. Dass er ihr welche abnahm, ist vielleicht zu viel der Hoffnung, aber sie fand immerhin Zeit für zwei Sinfonien, zahlreiche Kammermusikwerke und geistliche Chormusik. Trotzdem war es für sie schwer, sich in einer Männerwelt Gehör zu verschaffen: Sie rang um Aufführung ihrer Werke und veröffentlichte z. T. unter einem Pseudonym.
Amy Beach galt in den USA als musikalisches Wunderkind. Sie erhielt Klavierunterricht, das Komponieren und Orchestrieren eignete sie sich jedoch vorwiegend autodidaktisch an. Als verheiratete Frau durfte sie kaum öffentlich auftreten und widmete sich daher umso intensiver ihren Kompositionen. Sie schuf über 300 Werke, darunter die im Herbstkonzert erklingende „Gälische Sinfonie“, die auf irische und schottische Volksmusik zurückgreift. Nach dem Tod ihres Mannes ging sie erst einmal auf dreijährige Konzertreise und führte ihre eigene Klaviermusik auf – eine Befreiung. Anerkennung hatte ihre Musik jedoch schon früher erhalten. Viele Werke wurden zu ihren Lebzeiten verlegt und sie bekam Kompositionsaufträge für Weltausstellungen. Ihren Einfluss nutzte sie und bahnte mit der „Association of American Women Composers“ Kolleginnen den Weg.
Bis zum heutigen Tag kämpfen Frauen nicht nur um berufliche Anerkennung, sondern viel persönlicher und grundsätzlicher gegen Unterdrückung und Gewalt. Der Verein Frauenzimmer e.V. setzt sich dafür ein, dass Frauen und Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, Schutz, Beratung und einen sicheren Ort finden. Mit Zufluchtswohnungen, therapeutischer Begleitung und praktischer Hilfe unterstützt Frauenzimmer Betroffene auf ihrem Weg zu einem neuen, selbstbestimmten Leben. Um diese wichtige Arbeit zu unterstützen, wurden die Einnahmen des Konzerts an den Verein gespendet: rund 1600 € kamen zusammen. So vermittelte der Konzertnachmittag sicherlich eine wichtige Botschaft – bot aber auch einfach ganz wunderbare Musik.

