Menschen landen im Gefängnis, weil sie massiv gegen die Vorschriften und Gesetze unserer Gesellschaft verstoßen haben. Sie sind in erster Linie Täter und nicht Opfer. Sie müssen lernen, ein straffreies Leben zu führen, indem sie mit ihrem Vergehen aus der Vergangenheit direkt konfrontiert werden und dieses auch anerkennen. Diesen Prozess der Resozialisierung, die Vorbereitung von Straftätern auf ein straffreies Leben, hat der Strafvollzug in modernen Gesellschaften vor allem zum Ziel. Dies geht über bloße Abschreckung hinaus. Es umfasst gezielte Behandlungsmaßnahmen, um delinquenten Rückfällen vorzubeugen und kriminelle Risikofaktoren wie Aggressionen, Suchtprobleme oder mangelnde soziale Kompetenzen zu reduzieren. Sozialtherapeutische Angebote, Freizeitprogramme und Werkstätten sollen helfen, Verhaltensänderungen anzustoßen und neue Fähigkeiten zu entwickeln. In deutschen Gefängnissen gehören daher Sportanlagen, künstlerische Workshops und handwerkliche Kurse zum Alltag – oft betreut von pädagogischem Fachpersonal, Sporttrainern oder Geistlichen. Es gibt aber auch viele Ehrenamtliche.
Die Resozialisierung erfolgt dabei in drei Phasen: Zunächst verändert sich das Verhalten, dann die Identität, und schließlich erfolgt nach der Haft die politische und soziale Wiedereingliederung. Ein entscheidender Aspekt ist die Fähigkeit zur Hoffnung, denn sie liefert die Motivation für den Veränderungsprozess. Hier spielt das Gefühl von Normalität eine Schlüsselrolle. Aktivitäten wie Sport, Kunst oder Musik können diese Normalität zeitweise herstellen. Wer als Häftling das Gefühl hat, einen Platz in der Gesellschaft zu haben und akzeptiert zu werden, ist eher bereit, sein Leben positiv zu gestalten. Ebenso sind stabile Beziehungen zu anderen Menschen, seien es Familie, Freunde, Mithäftlinge, aber auch Gefängnispersonal, ein wichtiger Stützpfeiler, da sie emotionalen Halt geben.
Doch die Realität im Strafvollzug sieht oft anders aus. Eingesperrt zu sein bedeutet für viele Inhaftierte, über 20 Stunden am Tag in der Zelle zu verbringen, immer denselben Ablauf zu erleben, denselben Personen zu begegnen und dieselben Anweisungen zu befolgen. Sie sind einem System ausgeliefert, das sie häufig nur auf ihre Taten reduziert, nicht auf ihre Menschlichkeit. Kontakte zur Außenwelt sind stark eingeschränkt – je nach Vollzugsform oft nur ein bis vier Stunden im Monat. Wichtige Lebensereignisse wie Geburtstage, Beerdigungen oder Einschulungen können nur aus der Ferne miterlebt werden. Beziehungen zerbrechen, soziale Isolation wächst. Und die Folgen enden nicht mit der Entlassung: Berufliche Chancen sind eingeschränkt, das Stigma bleibt, Ausgrenzung und finanzielle Probleme verschärfen die Lage. Viele ehemalige Häftlinge kämpfen mit psychischen Belastungen, die ohne externe Unterstützung schwer zu überwinden sind.
Resozialisierung ist insgesamt weit mehr als ein juristisches oder organisatorisches Konzept. Sie ist ein komplexer, menschlicher Prozess, der Zeit, Empathie und kreative Ansätze erfordert. Einer dieser Ansätze ist die Musik: Sie kann helfen, schwierige Zeiten zu überstehen, zu sich selbst zu finden und Brücken zwischen Menschen zu bauen – unabhängig von Sprache oder Kultur. Wer ein Instrument erlernt, arbeitet an der eigenen Identität; gemeinsames Musizieren erfordert Kommunikation, gegenseitiges Zuhören und Vertrauen. So wird Musik nicht nur zum Ausdrucksmittel, sondern zu einem wirkungsvollen Werkzeug der Resozialisierung – ein Weg, Hoffnung und Selbstwertgefühl zurückzugewinnen und die Grundlage für ein neues Leben in der Gesellschaft zu schaffen.
Gerade weil Resozialisierung so vielschichtig und langwierig ist, setzt sich diese Ausgabe schwerpunktmäßig mit Musik als Mittel der Resozialisierung auseinander. Wir beleuchten, wie musikalische Projekte im Strafvollzug wirken können – nicht nur theoretisch, sondern auch aus der Perspektive derjenigen, die täglich mit Inhaftierten arbeiten. Dazu kommen Beiträge von Menschen, die selbst Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt haben, sei es durch die Leitung kreativer Angebote oder durch die direkte Zusammenarbeit mit Häftlingen im Rahmen gemeinsamer Musikprojekte.
Quellen
- de Banffy-Hall, A. (2021): Musik im Strafvollzug. Schott Music, Mainz.
- Farrall, S. (2005): On the turn to punishment: Lessons from probation practice

