Prof. Dr. Annette Ziegenmeyer ist Musikpädagogin und seit fünf Jahren Professorin für Musikpädagogik an der Musikhochschule Lübeck, wo sie das Zentrum für Lehrkräftebildung leitet. In ihrer Arbeit legt sie besonderen Wert darauf, Musik als soziale Praxis zu verstehen. Das von ihr initiierte Projekt Auftakt: Musik als Entwicklungsressource für straffällig gewordene Jugendliche und Heranwachsende1 untersucht, inwieweit der Jugendarrest ein Ort kultureller Bildung sein und in die kulturelle Infrastruktur des Landes Schleswig-Holstein eingebunden werden kann. Ziel ist es, straffällig gewordenen Jugendlichen neue Zugänge zu kultureller und musikalischer Bildung zu eröffnen – als Teil eines Prozesses der Resozialisierung. Zum AUFTAKT-Projektteam gehören Prof. Dr. Annette Ziegenmeyer (Musikhochschule Lübeck, Projektleitung), Julia Peters (Musikhochschule Lübeck, Wissenschaftliche Mitarbeiterin), Dr. Andreas Heye (Universität Bielefeld, Projektpartner) und Miriam Müller (Musikhochschule Lübeck, Wissenschaftliche Hilfskraft). 1 https://www.mh-luebeck.de/hochschule/zentrum-fuer-lehrkraeftebildung/auftakt/ [4.11.2025].
Wie kam es dazu, dass Sie heute mit Jugendlichen im Strafvollzug bzw. im Jugendarrest arbeiten? Wie ist das Projekt Auftakt entstanden und was war die ursprüngliche Zielsetzung?
Im Zuge des Inklusionsdiskurses wurde mir bewusst, dass ich selbst wenig praktische Erfahrung mit diesem Bereich hatte. In meinem Studium Ende der 1990er Jahre war das schlicht kein Thema. Daher habe ich gezielt Kontexte aufgesucht, in denen inklusiv gearbeitet wird. Über einen Kollegen, der in einem Wuppertaler Gefängnis Gitarrenunterricht gab, ergab sich die Gelegenheit zu einem Besuch in der Justizvollzugsanstalt Wuppertal-Ronsdorf. Dort zeigte sich schnell das Interesse von zwei Lehrkräften vor Ort, gemeinsam mit uns ein Projekt zu entwickeln – und so entstand innerhalb eines Tages das Konzept für ein kooperatives Seminar zwischen der Universität Wuppertal und der Jugendstrafanstalt Wuppertal-Ronsdorf.
Dieses Konzept besteht bis heute fort – seit 2021 wird es allerdings nun im Norden in Kooperation mit der Jugendarrestanstalt Moltsfelde in Form von „Musikwochen“ durchgeführt – ein Format, das der kurzen Aufenthaltsdauer der Jugendlichen im Arrest (bis zu vier Wochen) angepasst ist. Im Zentrum steht der Perspektivwechsel für alle Beteiligten und die Erfahrung, dass Musik als Brücke wirkt: Sie verbindet Studierende – in der Regel angehende Musiklehrkräfte – mit Jugendlichen, die bislang kaum Zugang zu formaler musikalischer Bildung hatten und die gerade mit der Schule meist ein sehr negativ geprägtes Verhältnis haben.
Wie erleben die Jugendlichen diese Begegnungen?
Die Musikwochen umfassen z.B. das Kennenlernen und Ausprobieren leicht erlernbarer Instrumente wie Gitarre oder Keyboard, Songwriting sowie gemeinsames Musikhören oder kreative Musizierpraxis. Die Studierenden bereiten sich im Rahmen eines musikpädagogischen Seminars theoretisch und methodisch gezielt auf den Kontext und die Dialoggruppe vor und überlegen, was für die Jugendlichen hier zielführend sein könnte. Letztlich hängt der Verlauf jedoch immer davon ab, wie die Gruppe zusammengesetzt ist und was in dem Moment stimmig erscheint.
Im Anschluss vermitteln wir – wenn von den Teilnehmenden gewünscht – Anschlussmöglichkeiten, um die musikalische Praxis fortzusetzen – etwa über Musikschulen am jeweiligen Wohnort. Den Kontakt stelle ich her, oft in Abstimmung mit der Anstaltsleitung, die über den Reso-Verein der JAA Moltsfelde auch finanzielle Unterstützung ermöglicht. Trotzdem ist die Hürde, eine solche Einrichtung aufzusuchen, für viele Jugendliche groß. Es braucht mehr als nur ein Angebot, idealerweise auch Zeit, wieder im Leben anzukommen und eine gute und verlässliche Begleitstruktur. Ich erinnere mich an einen Jugendlichen, den wir nach einer Seminarwoche an die Musikhochschule Lübeck eingeladen haben, um einen eigenen Song aufzunehmen. Er kam gemeinsam mit einem Freund, überwand dabei seine Unsicherheit – und war am Ende sichtbar stolz auf das, was er geschafft hatte. Das war für uns alle schon etwas Besonderes.
Welche Partner sind für die Nachhaltigkeit des Projekts entscheidend?
Rund um Auftakt ist ein Netzwerk entstanden, das Akteur:innen aus Kultur, Justiz und Sozialarbeit verbindet. Zentral ist der transdisziplinäre Austausch – über musikpädagogische Perspektiven hinaus. Wir können viel voneinander lernen und sollten bestehende Angebote stärker mit kultureller Bildung verknüpfen. Musik kann hier eine Brücke sein.
Könnte der BDLO als Verband mit seinen föderalen Strukturen eine unterstützende Rolle spielen?
Unbedingt. Im Sport existieren beeindruckende Modelle – etwa die Programme der Sepp-Herberger-Stiftung im Strafvollzug, „Anstoß für ein neues Leben“. Der Sport ist gesellschaftlich stark verankert und hervorragend vernetzt – vom Breitensport bis zum Profibereich.
Bei Auftakt könnten wir davon lernen, wie Community-Arbeit lokal strukturiert werden kann. Besonders im ländlichen Raum ist das eine Herausforderung: Was passiert in Orten, in denen es vielleicht nur eine Kirche gibt? Eine Verbandsstruktur könnte helfen, musikalische Bildungsangebote auch dort erfahrbar zu machen.
Wie kann Musizieren konkret zur Resozialisierung beitragen?
Kreatives Tun gibt Struktur und Sinn. Nicht jede oder jeder ist sportlich – Musik bietet eine andere Form des Ausdrucks. Viele Jugendliche haben brüchige Biografien. Musik hilft ihnen, ihre Geschichten hörbar zu machen, anstatt sie zu verdrängen. Das gemeinsame Musizieren wirkt dabei oft nahezu therapeutisch. Gleichzeitig fördert es soziale Kompetenzen wie Zuhören, Feedback geben und Verantwortung übernehmen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie differenziert Jugendliche in ihren Kriterien über Musik sprechen, wenn man ihnen Raum gibt. Diese Gesprächsfähigkeit ist ein wichtiger Schritt hin zu gesellschaftlicher Teilhabe.
Sie sprechen von den „Kriterien der Jugendlichen“. Was meinen Sie damit?
Wenn Musiklehrkräfte in Ausbildung über Parameter oder Strukturen sprechen, prallen solche Begriffe bei Jugendlichen häufig ab – sie sind nicht Teil ihrer musikalischen Lebenswelt.
Die Seminare zeigen, wie wichtig es ist, eine gemeinsame Sprache zu finden. Jugendliche bringen klare Vorstellungen davon mit, was für sie „gut klingt“ oder „echt“ wirkt – sie können es nur nicht immer in klassische Fachsprache übersetzen. Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören und ihre Ausdrucksformen ernst zu nehmen, anstatt sie zu bewerten.
Das zwingt auch uns, eine andere Perspektive einzunehmen. Vielleicht geht es dann weniger um Schriftlichkeit, sondern stärker um Zuhören, Improvisation oder das Festhalten von Prozessen im Audioformat.
Welche Botschaft möchten Sie der Öffentlichkeit über diese Jugendlichen mitgeben?
Es braucht Offenheit – und ein positives Menschenbild. Wir sollten jungen Menschen vorbehaltlos begegnen, ohne naiv zu sein. Musik kann Türen öffnen, aber sie öffnet sich nicht von allein. Wir müssen selbst Türöffner sein. Wenn es gelingt, eigene Muster für einen Moment beiseitezulegen und wirklich hinzuschauen, entdecken wir, was uns verbindet – und genau dort beginnt Bildung.
Das Gespräch führte Ronja M. Schwabe, ehemalige Bundesfreiwillige des BDLO.
Weitere Informationen zum Thema finden sich in der Rückschau auf die Netzwerktagung „Kulturelle Teilhabe im Strafvollzug: Fokus Musik“ (21.–22. November 2025).

